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Full text of "Die Zeitung"

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VERLAG DER LITERARISCHEN ANSTALT 
RÜTTEN & LOENING IN FRANKFURT A. M. 



Unter dem Titel: 

DIE 
GESELLSCHAFT 

beginnt soeben in unserm Verlage eine von 

DR. MARTIN BUBER 

herausgegebene 

Sammlung sozialpsychologischer 
Monographien 

zu erscheinen. 

Titelzeichnung und Vorsatz von PETER BEHRENS 
Initialen von HERMANN KIRCHMAYR 



Jeder Band ca. loo Seiten | biegsam kartoniert M. 1.50 
in handlichem Oktavformat f in Leinwand gebdn. M. 2. - 

(Format dieses Prospektes) 

Bestellungen auf die bereits erschienenen — wie auch auf alle sich 
in Vorbereitung befindenden Bände der Sammlung — werden von 
allen Buchhandlungen wie auch vom Verlag entgegen genommen. 



Es ist ein tief berechtigtes und immer nachdrücklicher 
sich durchsetzendes Bestreben unserer Zeit, 

das Leben der Gesellschaft, seine Formen 
und Äusserungen 

in klarer, wissenschaftlich durchgearbeiteter und literarisch wert- 
voller Darstellung zur Kenntnis aller Gebildeten zu bringen. In 
der reichen Literatur, die aus diesem Bestreben erwachsen ist, 
kam bisher eine Betrachtungsweise allzu wenig zur Geltung, die 
mehr als irgend eine andere geeignet ist, dem Laien die Zusammen- 
fassung und Belebung des von den sozialen Wissenschaften dar- 
gebotenen Tatsachenmaterials zu ermöglichen : die psychologische. 
Ihr wollen wir in unserer Sammlung eine Stätte schaffen. Wurde 
die Wechselbeziehung von Menschen, das soziale Grundphänomen, 
bisher in ihrer äußeren Ansicht festgehalten, so soll hier ver- 
sucht werden, die innere zu durchleuchten. Wurden bisher fast 
ausschließlich der äußere Aufbau des Lebens der Gesellschaft und 
die wirtschaftlichen Werte, die es erzeugt, erörtert, so soll hier 

seine Bedeutung für d ie Seele des Menschen, 

sein seelischer Ursprung und seine seelischen 

Wirkungen 

zum Ausdruck kommen; es soll gezeigt werden, wie aus Emp- 
findungen und Willensregungen das Soziale entsteht und wie es 
neue Empfindungen und Willensregungen auslöst. 

Gezeigt soll dies werden nicht in abstrakter Unter- 
suchung der allgemeinen Probleme, sondern durch eine psycho- 
lo gische Darstellung der einzelnen konkreten Erscheinungen . 
Jede Monographie unserer Sammlung wird ein besonderes Stück 



gesellschaftlichen Lebens, eine bestimmte Form menschlichen 
Zusammenlebens, ein bestimmtes Gebilde menschlicher Wechsel- 
wirkung beschreiben und in der Beschreibung auf seinen see- 
lischen Gehalt und Sinn hin analysieren. 

Wir möchten in der ,, Gesellschaft" eine Reihe von Arbeiten 
bringen, die methodische Exaktheit mit lebendiger, aus der un- 
mittelbaren Wirklichkeit schöpfender Uxspriinglichkeil, sachliche 
Positivität mit persönlicher Eigenari vereinigen. 

Wir haben versucht und versuchen, die Rftnifenen zur 
Mitarbeit heranzuziehen : Vertreter der psychologischen Methode 
in der Wissenschaft, Vertreter der psychologischen Anschauungs- 
weise in der Literatur, endlich Vertreter der Lebensgebiete selbst, 
von denen in den Bänden unserer Sammlung gesprochen werden 
soll. Jeder Einzelband wird ein Ganzes bilden. Zugleich aber 
hoffen wir, daß die Monographien mit der Zeit sich zu einer 

Gesamtdarstellun g der Psycholog ie 
der Ges ellschaft 

zusammenschließen werden. 

Zunächst sind folgende Bände in Aussicht genommen: 

Georg Simmel 
Fritz Mauthner 
Ferdinand Tönnies 
Franz Oppenheimer 
Albrecht Wirth 
Harry Graf Kessler 
Martin Buber 



Die Religion 


von 


Die Sprache 


von 


Die Sitte 


von 


Der Staat 


von 


Der Weltverkehr 


von 


Die Nationalität 


von 


Die Geschlechter 


von 



i 1 


Das Proletariat 


von 


Werner Sombart 


Der Handel 


von 


Richard Calwer 


Die Kolonie 


von 


Paul Rohrbach 


Der Architekt 


von 


Karl Scheffler 


Die Politik 


von 


Alexander Ular 


Das Parlament 


von 


Hellmuth v. Gerlach 


Die Diplomatie 


von 


Maximilian Harden 


Der Krieg 


von 


Paul Creuzinger 


Der Streik 


von 


Eduard Bernstein 


Die Revolution 


von 


Gustav Landauer 


Das Verbrechen 


von 


Franz von Liszt 


Die geistigen Epidemien 


i von 


Willy Hellpach 


Die Universität 


von 


Hugo Münsterberg 


Der Arzt 


von 


Ernst Schweninger 


Die Zeitung 

M 


von 


J. J. David 


Das Warenhaus 


von 


Paul Göhre 


Das Dorf 


von 


Hermann Stehr 


Die Eisenbahn 


von 


Arthur Mülberger 


Ferner haben ihre Mitarbeit zugesagt : Lou Andreas-Salome, 


Oscar Bie, Max Burckhard, Franz Eulenburg, Ludwig Gumplo- 


wicz, Moritz Heimann, Hugo 


von Hofmannsthal, Carl Jentsch, 1 


Eduard Graf Keyserling, Josef Kohler, 


Alfred Lichtwark, Samuel 


Lublinski, Walther Rathenau, 


Jacob ^ 


IVassermann u. A. 


II 



Als erste Bände der Sammlung sind erschienen 



Band I 

Das Proletariat 

von 
Werner Sombart 

Sombart schildert das Seelenleben 
des modernen Proletariers. Er zeigt, was 
dieser an Kraft des Heimatsgefühls, an 
Innigkeit der Familiengemeinschaft, an 
Sicherheit und Bodenständigkeit des 
Daseins eingebüßt hat, und vergleicht 
damit, was er an Verstandesausbildung, 
an Solidaritätsbewußtsein; an kritischer 
Fähigkeit gewonnen hat. Er schreibt die 
Tragödie der Arbeiterseele. 



Band II 



Die Religion 

von 
Georg Simmel 

Die Religion ist nach Simmel keine 
starre, für sich bestehende, dem übrigen 
Leben ferne Macht, sondern sie ist ein 
Grundgefühl, das in dem Verhältnis des 
Kindes zu den Eltern, des Patrioten 
zum Vaterland, des Kosmopoliten zur 
Menschheit, des Arbeiters zu seiner 
Klasse, des Soldaten zur Armee, des 
Freundes zum Freunde, des Liebhabers 
zur Geliebten sich kundgeben kann. 
Diese These wird in tiefgreifender Ana- 
lyse an den einzelnen Problemen durch- 
geführt. 



Band III 

Die Politik 

von 
Alexander Ular 

Ular zieht die großen Linien, die 
aller Politik zugrunde liegen: er stellt 
die Herrschaft des religiösen Motivs der 
des wirtschaftlichen gegenüber und legt 
deren Konflikte und Ausgleichungen 
dar. In farbenreichen, fesselnd erzähl- 
ten Beispielen, die von Dschingischan 
und vom Dalailama, von Hammurabi 
und den Pharaonen, von den tibetischen 
Klöstern und der französischen Revo- 
lution berichten, skizziert er das Walten 
dieser zwei Urtriebe in der Weltge- 
schichte. 



Band IV 

Der Streik 

von 
Eduard Bernstein 

In zugleich gründlicher und interes- 
santer Darstellung gibt Bernstein die Ge- 
schichte und die Psychologie des Streiks. 
Er untersucht seine Ursachen und seine 
Zwecke, seine Form und Entwicklung, 
seine Strategie und Taktik, seine Waffen 
und sein Recht, seine Kosten imd seine 
Wirkungen, wie auch die Mittel und 
Organe der Streikverhütung, endlich das 
Wesen des politischen Streiks. 



Als nächste Bände erscheinen: 



Band V 

Die Zeitung 

von 
J. J. David 

Die Zeitung wird hier gleichsam 
von innen angeschaut: wie sie ist und 
wie sie wird, welche neuen Seelenwerte 
sie schafft und welche Opfer an seelischer 
Entwicklung sie fordert. Die Wechsel- 
wirkung zwischen Zeitung und Publi- 
kum, die Stellung, Bedeutung urtd Be- 
stimmung des Journalisten werden in 
scharfer und auf den Grund der Dinge 
eindringender Weise dargelegt. 



Band VI 

Der Weltverkehr 

von 

Albrecht Wirth 



Wirth gibt einen Überblick über 
das Wesen und den Herrschaftsbezirk 
der modernen Verkehrsmittel ; er unter- 
sucht ihren Einfluß auf Rhythmus und 
Tempo des Lebens, auf die Beziehungen 
und das Seelenleben der Menschen, auf 
den großen Komplex von Erscheinungen, 
der das Dokument dieser Beziehungen 
und dieses Seelenlebens ist : die Kultur. 



Band VII 



Der Arzt 



von 



Ernst Schweninger 

Schweninger setzt sich mit allen Fragen auseinander, die sich aus dem 
Verhältnis zwischen Arzt und Gesellschaft durch die Konstellation der letzten 
Jahrzehnte ergeben haben. Die behandelten Gegenstände sind: Die Humanität; 
das Wesen des Arztes; Arzt und Kranke (die Frage des „Vertrauens", Ein- 
fluß von Mensch auf Mensch, „Seelenarzt", Krankheit und Gesundheit usw.); 
Arzt und Staat; der ärztliche Stand (Standesverfassung, Standesehre, Kon- 
kurrenz, Kollegialitätsbegriff, Kurpf uschertum) ; der ärztliche Beruf (Frage des 
Gelderwerbs u. a.) ; Arzt und Gesellschaft (Einfluß auf Lebensform und Lebens- 
haltung; Hygiene, Gutachten, Fürsorge, Verbrechertum, Pathographie) ; Heil- 
stätten, Krankenkassen, Heime, Gesellschaften zur Bekämpfung von Krank- 
heiten, Krankenhausverfassung usw.; Erziehung des Nachwuchses. 



BESTELLZETTEL 



Ich bestelle hiermit aus dem Verlage der Literarischen Anstalt 
Ratten & Loening in Frankfurt a. Main bei der Buchhandlung 

von in 

DIE GESELLSCHAFT 

Expl. Bd. I Sombart, Das Proletariat.. Karton. Mk. 1.50 

Expl. Bd. I — » — Gebund. Mk. 2.— 

Expl. Bd. II Simmel, Die Religion .. .. Karton. Mk. 1.50 

Expl. Bd. II — »— Gebund. Mk. 2.— 

Expl. Bd. III Ular, Die Politik Karton. Mk. 1.50 

. Expl. Bd. III — »— Gebund. Mk. 2.— 

Expl. Bd. IV Bernstein, Der Streik .. .. Karton. Mk. 1.50 

. Expl. Bd. IV — »— Gebund. Mk. 2.— 

sofort nach Erscheinen : 

Expl. Bd. V David, Die Zeitung Karton. Mk. 1.50 

Expl. Bd. V — »— Gebund. Mk. 2.— 

Expl. Bd. VI Wirth, Der Weltverkehr .. Karton. Mk. 1.50 

Expl. Bd. VI — »— Gebund. Mk. 2.— 

Expl. Bd. VII -Schweninger, Der Arzt . .. Karton. Mk. 1.50 

Expl. Bd. VII — »— Gebund. Mk. 2.— 

Ich bitte gleichzeitig mir alle weiteren Bände sofort nach Erscheinen 
zur Ansicht —für feste Rechnung — senden zu wollen. 



Name: Ort: 



Wohnung: 

Nichtzutreffendes bitte zu durchstreichen. 



Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig. 30891 



DIE GESELLSCHAFT 



Bd. IV: Der Streik von Ed. Bernstein 

In zugleich gründlicher und interessanter Darstellung gibt 
Bernstein die Geschichte und die Psychologie des Streiks. Er 
untersucht seine Ursachen und seine Zwecke, seine Form und 
Entwicklung, seine Strategie und Taktik, seine Waffen und 
sein Recht, seine Kosten und seine Wirkungen, wie die Mittel 
und Organe der Streikverhütung, endlich das Wesen des poli- 
tischen Streiks. 

Bd. VI: DerW^eltverkehrv.Albr.Wirth 

Wirth gibt einen Oberblick über das Wesen und den Herr- 
schaftsbezirk der modernen Verkehrsmittel; er untersucht ihren 
Einfluß auf Rhjrthmus und Tempo des Daseins, auf die Be- 
ziehungen und das Seelenleben des Menschen, auf den großen 
Komplex von Erscheinungen, der das Dokument dieser Be- 
ziehungen imd dieses Seelenlebens ist: die Kultur. 

Bd. VII: Der Arzt von E. Schweninger 

Schweninger setzt sich mit allen Fragen auseinander, die 
sich aus dem Verhältnis zwischen Arzt und Gesellschaft durch 
die Konstellation der letzten Jahrzehnte ergeben haben. Die 
behandelten Gegenstände sind: Die Humanität; das Wesen des 
Arztes; Arzt und Kranke (die Frage des „Vertrauens", Einfluß 
von Mensch auf Mensch, „Seelenarzt", Krankheit und Gesund- 
heit usw.); Arzt und Staat; der ärztUche Stand (Standesver- 
fassung, Standesehre, Konkurrenz, Kollegialitätsbegriff, Kur- 
pfuschertum) ; der ärztliche Beruf (Frage des Gelderwerbs u.a.); 
Arzt und Gesellschaft (Einfluß auf Lebensform und Lebens- 
haltung; Hygiene, Gutachten, Fürsorge, Verbrechertum, Patho- 
graphie, Heilstätten, Krankenkassen, Heime, Gesellschaften zur 
Bekämpfung von Krankheiten, Krankenhausverfassung usw.); 
Erziehung des Nachwuchses. 



Weitere Bände befinden sich in Vorbereitung! 



DIE GESELLSCHAFT 



Bd. i:Das Proletariat von VJ. Sombart 

Sombart schildert das Seelenleben des modernen Prole- 
tariers. Er zeigt, was dieser an Kraft des Heimatsgefühls, 
an Innigkeit der Familiengemeinschaft, an Sicherheit und 
Bodenständigkeit des Daseins eingebüßt hat, und vergleicht 
damit, was er an Verstandesausbildung, an Solidaritätsbewußt- 
sein, an kritischer Fähigkeit gewonnen hat. Er schreibt die 
Tragödie der Arbeiterseele. 

Bd. II : Die Religion von Georg Simmel 

Die Religion ist nach Simmel keine starre, für sich be- 
stehende, dem übrigen Leben ferne Macht, sondern sie ist ein 
Grundgefühl, das in dem Verhältnis des Kindes zu den Eltern, 
des Patrioten zum Vaterland, des Kosmopoliten zur Mensch- 
heit, des Arbeiters zu seiner Klasse, des Soldaten zur Armee, 
des Freundes zum Freunde, des Liebhabers zur Geliebten sich 
kundgeben kann. Diese These wird in tiefgreifender Analyse 
an den einzelnen Problemen durchgeführt. 

Bd. iii:Die Politik Ton Alexander Ular 

Ular zieht die großen Linien, die aller Politik zugrunde 
liegen: er stellt die Herrschaft des religiösen Motivs der des 
wirtschaftlichen gegenüber und legt deren Konflikte und Aus- 
gleichungen dar. In farbenreichen, fesselnd erzählten Bei- 
spielen, die von Dschingischan und vom Dalailama, von Ham- 
murabi und den Pharaonen, von den tibetischen Klöstern und 
der französischen Revolution berichten, skizziert er das Walten 
dieser zwei Urtriebe in der Weltgeschichte. 



DIE GESELLSCHAFT 

SAMMLUNG SOZIALPSYCHO- 
LOGISCHER MONOGRAPHIEN 
PREIS EINES JEDEN BANDES 
LEICHT KARTONIERT M. 1.50 
IN LEINWAND GEBDN. M.2.00 



DIE 
GESELLSCHAFT 



SAMMLUNG SOZIALPSYCHO- 
LOGISCHER MONOGRAPHIEN 



HERAUSGEGEBEN 
VON 

MARTIN BUBER 



FÜNFTER BAND: 
: J. J. DAVID : 
DIE ZEITUNG 



DIE ZEITUNG 



VON 






j!jr DAVID 



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FRANKFURT AM MAIN 
LITERARISCHE ANSTALT 
: RÜTTEN & LOENING : 



Einband- und Vorsatz-Zeichnung sind Ton Peter Behrens 
: : : Die Initialen zeichnete Hermann Kirchmajr : : : 

übersetzungsrecht, sowie alle anderen Rechte vorbehalten 

Published December lo, 1906. Privilege of Copyright in the United 
States reserved under the Act approved March 3, 1905 by the 
Literarische Anstalt Rütten & Loening, Frankfort o. M. 



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Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig : 




D^ EMIL LOEWY 

IN SULZ-STANGAU 

IN FREUNDSCHAFT UND DANKBARKEIT 



J. J. DAVID 







ov^c^DflNNERHALB EINER KURZEN ZEIT HAT 



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alles Pressewesen einen Aufschwung und 
eine Bedeutung gewonnen, welche selbst die- 
jenigen überraschen müssen, die beides vor- 
auszusehen glaubten. 

Es haben sich dabei die Lebensbedingungen 
der Zeitung und derjenigen, die ihr dienen, 
in mehr als einer Hinsicht für immer ver- 
schoben. Es lohnt vielleicht, dem Bestehen- 
den und dem, das sich ankündigt, einen 
Blick zu widmen. 

Im sonderbaren Gegensatz zu der steigen- 
den Zahl und Macht der Zeitungen stehen 
nun aber zwei Tatsachen : allenthalben führt 
der größte Teil der Blätter einen harten, einen 
fast verzweifelten Kampf um die Existenz, 
muß zu den merkwürdigsten und oftmals 
den unwürdigsten Mitteln greifen, nur um sich darin zu 
behaupten. 

Einzelne Unternehmungen haben den Boden gefunden, 
darin sie erwachsen und sich behaupten können. Sie be- 
wahren unerschütterlich, trotz allen Scheltens, ihre Geltung, 
lohnen den Eigentümern in jeder Hinsicht reichlich. Andere 
setzen sich mit erstaunlicher Raschheit durch, während manche 
trotz aller Anstrengungen, trotz redlichen Fleißes und der 
Begabungen, die sich um sie bemühen, durchaus nicht ge- 
deihen wollen. 

Wiederum ist es manchmal, als sei der Nährboden 
selber erschöpft. Ein Blatt hat sich eine ansehnliche 
Periode hindurch lebendig und wirksam bewährt; es hat 
sich Ansehen gewonnen. Und plötzlich beginnt es zu 
5 



kümmern und nichts will ihm mehr frommen oder an- 
schlagen. Man kann nicht behaupten, die Summe der 
Leistungen, die es in sich beschließt, sei geringer oder 
miinder geworden; die Sorgfalt habe nachgelassen, die 
man ihm zugekehrt. Es hat dem Tag gedient und 
dabei selber seinen Tag vollendet. Arbeiten, die noch 
vor kurzem an der gleichen Stelle den höchsten Beifall 
gefunden, die begegnen nun nur noch einem gewissen, 
mitleidigen Achselzucken, wie man es soweit achtbaren, 
aber verlorenen und gleichgültigen Bestrebungen zu widmen 
pflegt. 

Ferner: es ist unter den Gebildeten und den Reifen 
aller Parteien eine große Müdigkeit gegenüber der Zeitung, 
die sich oft genug bis zur offenen und unverhohlen bekannten 
Abneigung steigert. 

Man bespöttelt gern ihre Anmaßung, abschließend zu 
urteilen, Stimmung und Gesinnung machen zu wollen; die 
Eilfertigkeit, mit der sie ihr Sprüchlein allem, das sich 
unter dem Himmel begibt, gegenüber nun einmal hersagen 
muß. 

Man will sie nur noch als Materialiensammlung an- 
erkennen und gelten lassen. Die Begebenheiten habe sie zu 
buchen. Die Folgerungen daraus aber möchte jeder am 
liebsten selber ziehen, er empfindet es, je nach dem Grade 
seiner Selbständigkeit, als fatal, immer eine Ansicht in den 
Kauf nehmen zu sollen, die doch, so oder so, ihr Gewicht 
und ihren Einfluß hat. 

Nun aber ist der Gereiften immer weniger, als der 
Reifenden; es sind immer mehr auf dem Marsch, als sich 
am Ziele befinden. Je allgemeiner ein bestimmter, nicht 
gar zu hoher Grad von Volksbildung erreicht wird, je mehr 

6 



sich gewisse Begriffe, der Stimmung und dem Verständnis 
der Menge gemäß und erfaßlich, verbreiten und durch- 
setzen, desto unbändiger schwillt die Flut der Zeitungs- 
literatur an. 

Eine Untersuchung, wie sie einmal eine -spielende und 
dennoch für Aufklärung und Erhellung von Vorstellungen 
nicht unwichtige Statistik anzustellen liebte, etwa dahin 
gehend, wie viel Meter -Zentner Zeitungspapier allein in 
deutschen Landen alljährlich bedruckt werden, welchen 
Wert sie darstellen, welche Fläche Erde sie ausgebreitet 
decken würden, wie groß die Anzahl Menschen ist, die erst 
bei ihrer Zubereitung, hernach anders bis zu dem Augen- 
blicke, da ein fertiges Journal dem Leser in die Hand ge- 
schoben wird, ihren Unterhalt daran finden, wäre keines- 
wegs uninteressant und möchte leicht erstaunhche Zahlen 
geben. 

Und nun ist abermals ein befremdender Widerspruch 
zu verzeichnen: je mehr die Geringschätzung — echt 
und nur zu oft gemacht — des Zeitungswesens wächst, 
desto klarer wird auch die Erkenntnis, wie untrenn- 
bar es mit unserer Kultur, mit ihrem Gang und aller 
ihrer Entwicklung verwachsen, wie sehr und wie un- 
mittelbar es ihr Ausdruck ist. Man sammelt die Blätter, 
die der einzelne achtlos fortwirft und die man vordem 
verflattern ließ, und verwahrt sie für die Zukunft, 
gewiß, damit den kommenden Geschlechtern und ihren 
Forschern mehr als nur eine an sich immerhin kost- 
bare Häufung und Buchung von Tatsachen in die Hand 
zu geben, die sie nach dem Stand ihrer Erkenntnis und 
dem Befund ihrer Quellen prüfen, deuten, verarbeiten 
mögen. 
7 




IE EHRSAME und tapfere Buchdruckers- 
witib, die, ihren kleinen Betrieb und die 
Leistungsfähigkeit der ererbten paar Quet- 
schen auszunutzen, beherzt ihr Blättchen 
gründet, das im Laufe der Begebenheiten 
l^fffffiT (^^^ch Gunst der Umstände zum Welt- 
. IllllLllll lUblatt wird, die gehört längst und für 
ewig der Legende an. 

Es ist auch in undenklicher Zeit kein Fall eines behut- 
samen Wachstumes mehr zu verzeichnen gewesen. Daß ein 
Journal sich erst in kleinerem Umfang Vertrauen gewann 
und einen Leserkreis sicherte, der ihm auch getreu blieb, 
wenn es hernach seinen Umfang erweiterte, das hat sich, 
wie es scheint, gleichfalls mindestens meines Wissens schon 
sehr lange nicht begeben. 

Immer höher werden die Kosten einer ähnlichen Grün- 
dung, jemehr die Entfernungen durch den verbesserten 
und beschleunigten Verkehr schwinden. Die Möglichkeit 
besteht, Nachrichten aus zweiter Hand innerhalb eines ganzen, 
großen Gebietes fast gleichzeitig mit der ersten Hand zu er- 
halten und zu nutzen. Sie ist nur eine Frage des Kosten- 
punktes. Wer aber vor solchen Ausgaben zurückschreckt, 
der verzichtet auf alle Konkurrenzmöglichkeit. 

Denn immer zeitiger gelangen die Blätter der Haupt- 
städte, die in mehr als einer Hinsicht schon als Sitz der 
höchsten Behörden und der bei ihnen zusammenströmenden 
Nachrichten führend sein müssen, die einen weiteren Vor- 
sprung haben, schon durch die Möglichkeit einer stärkeren 
Bemusterung und Auslese unter denen, welche sich ihrem 
Dienste widmen wollen, nach der Provinz. Es muß, min- 
destens im Tatsächlichen, annähernd auch in der Klein- 

8 



Stadt das Gleiche geboten werden, wie es der Groß- 
betrieb hat. 

Dazu kommt noch, daß die großstädtischen Unter- 
nehmungen mit ihrer manchmal ganz unglaublichen Fülle 
von Lesestoff, mit ihrem glänzend organisierten und die weite 
Welt umspannenden Nachrichtendienst, der überall seine 
Quellen hat, sich zum guten Teil zu einem Preis anbieten, der 
auch nach der schärfsten und genauesten Rechnung unmöglich 
die Selbstkosten decken kann. Die Einnahme aus dem Gelde 
des Abnehmers ist Nebensache. Worauf ursprünglich die 
ganze Rechnung gestellt sein mußte, das steht gegenwärtig 
nur noch, im günstigsten Fall, in zweiter Linie, ist oftmals 
vollends ins Hintertreffen gedrängt. 

Eine möglichst große Verbreitung ist allerdings erwünscht, 
wenn sie zu Beginn noch so sehr die Bilanz drücken und 
die Gründungskosten steigern sollte. Sie muß mit allen Mitteln 
der Lockung, der Reklame, der Sensation erzwungen werden. 
Darin allein liegt nämlich die Möglichkeit jenes umfänglichen 
Anzeigenteiles, der, mit wachsendem und wagelustigerem 
Geschäftsleben, mit steigender Nötigung, sich durch alle 
Künste und Behelfe bemerklich zu machen, immer größeren 
Raum der Zeitung in Anspruch nimmt, der mehr und mehr 
auch dahin dringt, wo man ihn eigentlich nicht suchen noch 
vermuten sollte, der alle aufgewendeten Mühen und Summen 
zu Zinsen und zu lohnen vermag. 

Dadurch aber wird der Raum mehr und mehr eingeengt, 
da sich Gesinnung und Begabung bekunden und betätigen 
können. Und ganz besonders der Ungeübte empfindet not- 
wendig dem Inhalt der Zeitung gegenüber ein Gefühl steigen- 
der Unsicherheit, eines großen aber unklaren Mißtrauens. 
Für ihn hat nämlich das gedruckte Wort an sich sein Ge- 
9 



wicht. Was nicht des Vermerkens wert wäre, das möchte 
man doch unmöglich sammeln und ihm eine so große Ver- 
breitung geben. Und nun merkt er wohl : es ist nicht alles 
aus der Überzeugung und aus der Uneigennützigkeit heraus 
empfohlen, das ihm die Zeitung, seine Zeitung, an die er gern 
aus vollem Herzen glauben möchte, anrühmt. Er ist einmal 
gar vielleicht selber hereingesprungen und besah hernach 
seinen Schaden. Und so kommt über ihn der Zweifel und 
eine Erkenntnis, so groß die Macht der Zeitung für allge- 
meine Bildung sei, so läge doch auch ein korruptes und 
korrumpierendes Element in ihr. Persönlichkeiten an der 
Spitze, die von Amts wegen imponieren, können solche Be- 
denklichkeiten mildern — man erinnere sich der unbedingten 
Macht der Zentrumspresse über ihre Getreuen und des un- 
erhörten Einflusses mancher, keineswegs ausnehmend ge- 
schickt gemachter Arbeiterblätter — , aber kaum mehr ganz 
besiegen. Es ist auch im allgemeinen zu viel verlangt, daß 
der Leser Urteil genug habe, die Scheidung der Ressorts im 
eigenen Wirkungskreis zu vollziehen. 

Es hat sich ferner herausgestellt, daß, genügende Mittel 
und hinreichende Rücksichtslosigkeit in ihrer Anwendung 
vorausgesetzt, sich so ziemlich jede Zeitung mindestens bis 
zu einem gewissen Grad dem Publikum aufzwingen läßt. 
Fehler in der Gründung, die man einmal für tödlich gehalten, 
lassen sich gut machen. Mängel in der Leitung, sogar in 
der Ausstattung, deren Wichtigkeit man nun erst zu begreifen 
und nach ihren Normen hin zu ergründen beginnt, sind zu 
korrigieren, wenn man nur Geld genug zur Verfügung hat, 
um jeden Fehlgriff austilgen, durch erneute Anstrengung in 
Vergessenheit bringen zu können. Es geht — unermüdliche 
Versuche sind die erste Bedingung — fast immer, eine Strömung 

10 



ausfindig zu machen, die stark genug ist, das neue Unter- 
nehmen flott zu machen, zu tragen, an irgend ein Ziel zu 
bringen, das freilich ganz anders aussieht, als dem man ur- 
sprünglich zuzusteuern dachte. Nirgends sind Programme und 
Verheißungen darum so unverbindlich. Kaum selbst in den 
Antrittsreden von Theaterdirektoren, die ja immer nur mit 
allen möglichen Vorbehalten gelten, so sehr wie hier. Der Leiter 
der Redaktion hat längst nicht mehr das entscheidende Wort. 
Ganz andere Männer, ganz andere Faktoren bestimmen die 
Haltung in fast allen Fällen, in denen sie sich überhaupt vernehm- 
lich machen. Und der Erfolg hängt nicht mehr, wie einmal, von 
der schriftstellerischen Befähigung, von der Ideenfülle und 
dem Takt, mit dem sie die Zeichen der Zeit fassen und 
deuten, derer ab, die an die Spitze gestellt sind. Ein neuer 
Trick mag wichtiger werden als die vollkommenste Leistung, 
die immer zunächst nur wenigen ins Bewußtsein kommt, 
langsam sich herumspricht und demnach ihre Wirkung übt; 
die administrative Arbeit kann unter Umständen einen sonst 
schon verlorenen Feldzug zu leidlichem Ende führen. 

Es sind Menschen, an deren Befähigung vom journalisti- 
schen Standpunkt aus die Wissenden und Urteilsfähigen durch- 
aus zweifeln mußten, durch Zufälligkeiten und durch Launen 
der Eigentümer an die Spitze von Zeitungen gestellt worden, 
und sie haben als Antreiber das ihrige getan und ihre Art von 
Erfolg gehabt, — besser als Bessere, weil sie im Bewußtsein 
ihrer eigenen Geringwertigkeit sich nichts wünschten, als 
den Geschmack des großen Haufens zu erraten, ihm blind 
zu dienen, womöglich ihn noch niederzudrücken, weil menge- 
lieren leichter und bequemer ist als scheiden, verwirren 
bequemer als aufhellen. Es sind wieder Männer, in denen 
man alle Anlagen zum „Macher", der die öffentliche Auf- 



merksamkeit immer an sich zu reißen versteht, vermutet 
hätte, zu solchen Aufgaben berufen worden, und sie haben 
versagt und in ihrer Hand zerbrach, was eine gute Waffe hätte 
sein und Ansehen und Gewinnst erstreiten sollen. Jene 
Summe von Begabungen und Gemütseigenschaften, die 
allein zusammen genommen den geborenen, den großen 
Chefredakteur ausmacht, wird immer selten sein. Die sind 
zu zählen, die sich in deutschen Landen, da Zeitungswesen 
wahrhaftig üppig genug wuchert, als Zeitungsgründer nam- 
haft und bemerklich gemacht haben. Es ist, trotz der Um- 
ständlichkeit, immer noch besser und wohlfeiler, einem 
Apparat, einer Art bewährten Mechanismus jene Funktionen 
zu übertragen, die vordem den Anlagen eines einzigen an- 
vertraut werden mußten, der denn doch eher versagen konnte. 

In Kürze: auch die Gründung eines an sich kleinen 
Zeitungsunternehmens ist nunmehr mit gesteigerten Kosten 
verbunden gegenüber einer Zeit, die noch eben nicht lange 
hinter uns liegt. 

Ein ,, großes" Blatt aber kann nur noch mit einem Auf- 
wand ins Leben gerufen werden, der fast immer die Mittel 
eines Einzelnen, ohne Ausnahme seinen Wagemut übersteigt. 
Es ist nicht leicht Eines Sache, Summen, wie sie hier in Be- 
tracht kommen, auf eine einzige, aller Erfahrung nach höchst 
betrügliche Karte zu setzen. 

So werden denn die Zeitungen mehr und mehr das Werk 
und das Werkzeug von Interessenten-Gruppen und -Gemein- 
schaften, die zunächst sich und ihre Pläne vertreten sehen 
wollen. Und je größer das Wagnis der Inszenierung war und 
je stärker es ins Geld ging, desto höheren Gewinn verlangt 
man sich davon, desto wahlloser wird man in den Mitteln, 
ihn zu erzielen und zu erzwingen. Kann man irgendwo 

12 



von Profitgier sprechen, so oftmals hier. Dazu kommt noch 
die Möglichkeit einer plötzlichen Änderung des Geschmackes 
und der Konjunktur, die in einem solchen Betrieb ganz 
besonders überraschend kommen und unheilvoll wirken kann. 
Das Zeitungswesen ist heute ganz unbedingt und für 
immer in den Händen des Großkapitals. Für immer, — 
denn ich sehe nicht die mindeste Möglichkeit, wie sich das 
noch ändern könnte. Es scheint allerdings nicht, als ob 
jene Riesenbetriebe, die man in ihren Umrissen sich auf- 
richten sah und die nach Anlage so ungeheuerlich waren, 
daß man erschrak, für die Dauer möglich und zu realisieren 
wären. Immer mächtiger aber werden die glücklichen und 
gedeihenden Unternehmungen, die Anziehungskraft steigert 
sich, welche sie üben; immer besser und reicher lohnen sie 
denen, welche in dieser oder jener Hinsicht sich ihren An- 
teil daran zu sichern verstanden. Immer schwieriger und 
aussichtsloser wird der Wettbewerb. Die Zeitungsmenschen 
selber merken ganz wohl und, wenn sie noch einer älteren und 
bequemeren Periode entstammen, unbehaglich genug, daß 
sich in den Fundamenten ihres Metiers etwas fatal ver- 
ändert hat. 



ON JENER Umwälzung, welche das Ein- 
langen der ersten optischen oder gar elek- 
trischen Depesche in einer Zeitungsredak- 
tion bedeutet hat, können wir uns nun 
wieder eine gute Vorstellung machen. 
Wir haben nämlich etwas Ähnliches, 
nur in seinen Folgen noch viel Weit- 
tragenderes erlebt. Ich meine die Einführung des Tele- 
phons, das immer größere Entfernungen überspannt und viel- 
es v 




leicht ehe wirs erwarten oder vermeinen, den Odem und das 
lebendige Wort des Menschen auch über die Meere hauchen 
wird. 

Schon die Depesche hat die Sprache beeinflußt, und zwar 
nicht eben in günstiger Weise. Sie zwang da zu Abkür- 
zungen, um an den ganz besonders im Beginn und auf 
größere Entfernungen sehr teuern Gebühren zu sparen, 
dort zu Unterstreichungen, damit der Hauptsinn dennoch 
klar und unzweideutig bleibe. So hat sich eine Art ganz 
abscheulicher Stil entwickelt und behauptet, auch nun, wo 
reichere Unternehmungen diese Methode der Meldungen schon 
darum verwünschen und abschaffen möchten, weil die Er- 
sparnis kaum im Verhältnis zum Zeitverlust durch die Not- 
wendigkeit einer Umdeutschung der Depeschen steht. 

Hat nun die Drahtmeldung den Stil gestört und ein- 
dringlichere Strangulierungsmarken ins lebendige Fleisch der 
Sprache gefurcht, als ohne eingehende und eigene Unter- 
suchung dieser Materie so leicht festzustellen ist, so bedeutet 
der immer steigende telephonische Verkehr die völlige Zerstörung 
aller Sprachkunst, ja alles Sprachgefühls. Eine neue, imminente 
Gefahr kündigt sich hier dem Sehenden an und man weiß 
ganz und gar nicht, was dagegen tun oder wie sie bekämpfen. 
Denn wie das Zeitungsdeutsch aus dem des Verkehrs heraus- 
gewachsen sein und dem des Alltags nahe bleiben sollte, so 
übt es hinwieder einen viel unmittelbareren Einfluß als die 
Sprache der Literatur. 

Wir müssen auf eine ähnliche Kraft des lebendigen 
Wortes hoffen, wie sie bekanntlich Strömen unter dem Ein- 
fluß des Sonnenlichtes eignet, auf eine Macht und Neigung 
zur Selbstreinigung von allen Unsauberkeiten, mit denen sie 
die Großstädte und ihr nimmermüder Betrieb überhäufen, 

14 



wenn wir vor solchen Erscheinungen nicht verzagen und 
ins heillose Schwarzsehen kommen sollen. Denn immer 
wieder in gesetzten Zwischenräumen muß man nach dem 
Volk, nach seinen Wendungen, nach der Art seines Aus- 
druckes horchen, ihm auf den Mund und also in die Seele 
sehen, soll es das Papier-Deutsch nicht gewinnen, das ja eine 
Zeitlang laut und bedenklich genug sogar in unserer Dichtung 
geraschelt hat. Wird aber die Quelle für Verlebendigung der 
Sprache verschüttet oder verdeckt, dann ist der Schaden kaum 
mehr gut zu machen. 

Nun werden aber durch den Fernsprecher nicht mehr 
nackte Tatsachen allein übermittelt, an denen endlich kein so 
großes Unheil gestiftet werden kann, die nur durch sich und 
ihren Inhalt wirken sollen. Auch umfängliche Berichte 
werden ihm anvertraut, die aus Stimmung empfangen sein 
und sie also wiedererzeugen wollen. Da kommt es denn 
doch schon sehr auf das wohlabgewogene, einzelne Wort, 
auf seine Stellung und seine Würde an, die bei einer solchen 
Arbeitsmethode unmöglich gebührlich abgeschätzt und ge- 
schützt werden können. 

Mehr — ganze Artikel, dazu gedacht und bestimmt, 
wichtige und verwickelte Fragen zu erklären, schwer Begreif- 
liches ins rechte Licht zu rücken, werden so auf endlose 
Strecken hin, die zu durchfliegen auch der schnellste Blitz- 
zug immer noch Stunden braucht, in die Feder diktiert. 
Sie erscheinen nachher und tun ihre Wirkung, ohne daß 
derjenige, der sie ersonnen und gedacht, auch nur einen 
Blick nach ihnen tun und überprüfen konnte, wie er eigent- 
lich verstanden worden sei. 

Nun ist die Fähigkeit, vollkommen zu diktieren, der 
Natur der Dinge nach nicht allgemein. Sie setzt — ähn- 
15 



lieh wie der journalistische Beruf an sich, eine Art impro- 
visatorische Geistesanlage voraus und verlangt überdies eine 
ungewöhnliche Macht der Konzentration, eine sehr seltene 
Herrschaft über das Wort; das sicherste Gedächtnis, damit 
sich nicht etwa Wendungen besonders der bequemen, ge- 
prägten, landläufigen Art, damit sich nicht gar ganze Ge- 
dankenfolgen wiederholen, die Einen besonders beschäftigen, 
die dem Diktierenden ausnehmend wichtig oder geglückt 
erscheinen. 

Wie schwer es aber ist, beim Sprechen ins Telephon 
auch nur ein Konzept wirklich mit Nutzen zu gebrauchen, 
das weiß jeder, der es ein einzigmal versucht hat. Für eine 
wirkliche und durchgreifende Revision des Diktates aber 
fehlt demjenigen, der es empfangen hat, fast immer die ge- 
nügende Zeit. Höchstens Sprachschnitzer, Entgleisungen 
und falsche Blüten könnten weggeputzt werden, wäre in der 
Regel die Vorbildung derer, welche am Fernsprecher be- 
schäftigt werden, nicht ungenügend, ihre Zuversicht in das 
eigene Urteil also nicht sehr gering und häufte sich bei 
den oberen und ganz besonders bei den letzten Instanzen 
infolgedessen das Material nicht in einer unerhörten, in einer 
kaum mehr zu übersehenden oder gar zu meisternden Masse an. 

Und noch eines ist gut im Auge zu behalten: auch 
dem sonst Sichersten und Gewandtesten bietet sich nicht immer, 
vor allem nicht in jedem Augenblick, da er ihn braucht 
und ihn berufen möchte, der erwünschte, der treffende Aus- 
druck dar. Zu säumen aber ist noch minder zulässig, als 
man sonst selbst in der journalistischen Arbeit der fliegenden 
Feder Rast vergönnen kann; der nur einmal sich in diesem 
Handwerk versucht hat, der weiß, wie es ihn mit steigenden 
Unlustgefühlen, die sich oft bis zu einer Art physischer Be- 

i6 



klemmung erhöhen können , drängte , die einmal begonnene 
Arbeit ohne Unterbrechung, die ihr niemals und in keiner 
Hinsicht frommt, hinter sich zu bringen. So wird denn viel 
dem Ungefähr überlassen; es wird gerne geflickt. Und 
darum ist denn Diktiertes durchaus unpersönlicher, ver- 
schwommener als Geschriebenes, wenn nicht der Autor 
selber die letzte Feile daran wenden kann. 

Gerade das empfiehlt, neben der Notwendigkeit, aus der 
sie empfangen ist und sich durchgesetzt hat, diese Arbeits- 
methode aus Gründen, deren noch zu gedenken sein wird, 
dem modernen Journalismus. Eine Art Rhetorik muß in 
jedem Zeitungsartikel enthalten sein ; eine leise Überhitzung 
des Ausdrucks, eine Feierlichkeit, die nicht immer dem In- 
halt ganz gemäß ist. Die aber gesellt sich dem gesprochenen 
Wort nur zu willig bei, man kann sich daran ganz niedlich 
berauschen. Man denkt sich das unsichtbare Auditorium dazu; 
man konstruiert seine Gründe dafür, ersinnt und verschränkt 
künstliche Perioden ihm zu Dank und zu Gefallen. Das aber 
ist wiederum eine andere Art der Überredung, als die dem 
Artikel gebührt: sie wirkt gern mit dem dreisten Husaren- 
hieb der Überrumpelung, nicht mit dem sanften Fingerzeig 
der Argumentation und der Überzeugung. Und alle Ein- 
bildungskraft und alle Gabe der Selbstsuggestion können über 
die Tatsache nicht wegtäuschen, daß jede Möglichkeit eines 
Widerspruches ausgeschaltet ist, mit dem der Redner doch 
immer rechnen muß, gefaßt, ihn sofort nach Entstehen zu 
bekämpfen; daß der Beifall, der so sehr beflügelt und sich 
so mannigfach zu äußern versteht, der Ungelenke zu Tänzern, 
Wortkarge höchst beredt machen kann durch die Gewißheit, 
es schlummerten in ihnen sicherere Gaben, als die sie in 
sich vermutet, nicht unmittelbar laut werden, noch seine 

^7 Va 



Wirkung als heißester Sporn tun kann. Nun — den anti- 
zipiert man sich gern in der Arbeit und schmeckt ihn herzhaft. 
Wer sich niemals einer Kraftstelle, die ihm besonders ge- 
glückt erschien, inniglich gefreut hat, um den anderen Morgen, 
zunächst verwundert über solche Verständnislosigkeit, hernach 
ganz und gar empört, zu gewahren, wie wenig sie begriffen 
ward, wie völlig sie verpuffte, bis ihm im Laufe der Be- 
gebenheiten und der immer gleichen Berufstätigkeit allerhand 
in dieser Hinsicht klar wurde, der mag das Vorstehende 
bestreiten. Aber keiner wird es können, der einigermaßen 
in sich zu sehen und zu suchen gewohnt ist. 

Allerdings züchtet und erzwingt der moderne Journalis- 
mus eine große, eine immer aussichtslosere Selbstentäußerung 
von denen, sie sich ihm hingegeben und verschrieben haben. 
Den größten Teil derer, die ihm dienen, hobelt er plan und 
glatt, und in der Zukunft wird aller Voraussicht nach ein 
immer steigender Prozentsatz sich in dieses Loos ergeben 
müssen. Das aber geschieht nicht ohne alle Gegenleistung 
in der Persönlichkeit dessen, den es angeht. Es entwickelt 
sich eine ganz merkwürdige Art von Selbstbewußtsein und 
Eitelkeit, die kein anderer Stand so kennt, ein völliges Durch- 
drungensein davon, man sei an der Stelle durchaus unent- 
behrlich, da man steht, und nur Unkenntnis der Verhält- 
nisse mache es aus, daß dieses Ressort von der Allgemeinheit 
nicht ganz nach seinem wahren Wert und seiner unermeß- 
lichen Bedeutung erfaßt würde. Nur noch bei Komödianten, 
die niemals über die Schmiere oder über Anmelderollen an 
großen Bühnen hinausgekommen sind, deren wichtigste Auf- 
gabe darin besteht, die Szene stattlich zu füllen, findet sich 
etwas Ähnliches, hier wie dort insgeheim gewürzt durch 
die kostbare und süßschmerzliche Überzeugung, es liege nur 

i8 



an den Umständen, an der Boshaftigkeit und größeren Fer- 
tigkeit zur Fuchsschwänzerei und Durchsteckerei der Anderen, 
wenn man sich bescheiden mußte und nicht zum rechten 
Wirkungskreis und zu jener Stellung vorrücken konnte, 
welche man anders und bei ehrlichem Spiel hätte erreichen 
müssen. Man ahnt immer noch nicht genügend, ein wie 
einziges, unbezahlbares Narkotikum unter Umständen bei 
halb gescheiterten und dürftig in einem Nothafen geborgenen 
Existenzen die Empfindung des Verkanntseins bedeuten mag. 
Und mit dieser Meinung der Unentbehrlichkeit hängt noch 
etwas zusammen, das beiden Kategorien von Menschen ge- 
mein ist: ihre ungemeine Pflichttreue. Kein Statist, kein 
Penny-a-liner, der nicht schwört, er, just er dürfe nicht 
fehlen, ohne daß sich eine sehr schmerzliche Lücke auftue. 




IE SCHWIERIGKEITEN sind bereits er- 
wähnt worden, welche sich dem Diktieren- 
den entgegenstellen, der sein Werk ver- 
richten soll. 

Es wurde der Schädigungen gedacht, die 
sich so neuerdings für die gesunde Weiter- 
bildung der Sprache, wohl nicht allein in 
deutschen Landen, ankündigen. 

Hier muß man freilich besonders achtsam in der Abwehr 
und bereit dazu sein. Denn weil das Deutsche in stetem 
Fluß ist, weil es in der Handhabung bei seinem geringen 
Vorrat an griffbereiten Wendungen unbequem ist, so klingt 
Phrasenwerk besonders häßlich und man vermerkt Klischees 
doppelt unangenehm. 

Auszurotten sind sie nun einmal nicht, am wenigsten 
leider dort, wo sie am unerträglichsten sind, wo sie die 
19 2* 



Armut an innerer Anschauung dessen verraten, der mit 
ihnen sich behilft: in der Kritik und im Artikel. Das Be- 
dürfnis nach ihnen, nach Marken, nach Wertzetteln, mit 
denen man die Erscheinungen behängen und verzeichnen 
kann, ist allzu unbesieglich. Wer kann auch viel suchen 
und neue Wendungen prägen? Oder wozu die Mühsal? 

Nun sind gewisse Phrasen, deren man schon so gewohnt 
war, daß sie an den vorbestimmten Stellen wie auf ein Stich- 
wort immer und pünktlich sich einfanden, neuerdings aller- 
dings ausgemerzt worden, und es wird sie niemand mehr 
gebrauchen, der sich nicht schon durch sie als völlig bildungs- 
unfähig, als hoffnungslos hinter seiner Zeit zurückgeblieben 
bekennen will. Im wesentlichen ist dadurch aber nichts 
gebessert worden. An Stelle der platten Trivialität, die vor- 
dem sich breit machte, ist nur die verkürzte Trivialität ge- 
treten und möchte durch Dunkelheit imponieren. 

Der Gesinnungsschuster, der alle Vorfälle und Begeben- 
heiten dieser Welt tüchtig und handfest über seinen be- 
währten Leisten spannt und danach verarbeitet, der unge- 
bärdige Geschehnisse, die sich seinen Überzeugungen nicht 
fügen, sich ihnen nicht einordnen lassen wollen, mißbilligt 
oder nicht anerkennt, ist an sich keine uns3mipathische, ist 
für die keine gleichgültige Gestalt, welche seiner Ware be- 
dürfen, weil sie unbeschuht die Härten des Lebens und 
seiner Realitäten nicht vertrügen. Nur soll er sein ehren- 
haftes und standfestes Dreibein, darauf er sich zu seinem 
Werk niederläßt, nicht für das der Pythia, den mannigfachen 
Geruch, der seinen Arbeitsraum füllt, nicht für den Duft 
und den Dunst der Tiefe halten, der mannigfache Ahnungen 
weckt und deutende Worte auslöst. 

Eine Abschweifung, wie sie allerdings bei der Natur 

20 



des Themas sich immer wieder aufdrängt. Zurück zur 
Stange ! 

Die Hemmnisse für die Entstehung einer wirklich ge- 
glückten und runden Arbeit, die sich dem Sprecher entgegen- 
stellen, werden vermehrt und potenziert durch den, der am 
Hörrohr beschäftigt ist. 

Die Gabe einer vollkommen sicheren und immer willigen 
Hand, einer stets bereiten und nicht leicht zu verwirrenden 
Aufnahmefähigkeit und Empfänglichkeit ist hier Grund- 
bedingung und keineswegs so allgemein, wie man annehmen 
sollte. Sie genügt aber an sich noch lange nicht. 

Unabgenutzte Nerven müssen hinzukommen; eine an- 
sehnliche Spannkraft, wie sie eigentlich nur der ersten, frischen 
Jugend eignet, um den vielen, wechselnden Aufregungen 
des Berufes nur zu bald zu erliegen. Die Intelligenz muß 
groß genug sein, alles zu fassen und zu begreifen; wieder- 
um so schmiegsam, um sich ohne Rest und fast ohne Frage 
dem Überlegeneren, Sichereren unterzuordnen. 

Die entscheidenden aber, die ursprünglichen, die unum- 
gänglichen Qualitäten liegen denn doch im Physischen. 
Darauf muß also nun schon und wird in Hinkunft in immer 
steigendem Maße geachtet werden müssen bei einem Beruf, 
der ursprünglich rein geistige Veranlagungen zur Voraus- 
setzung hatte. Vieles, das an Wissen notwendig ist, erwirbt 
sich ein williges Gedächtnis, ein reger Geist während der 
Arbeit selbst wie spielend. 

Wer aber, in welcher Stellung und in wie eingeengtem 
Wirkungskreis immer, eine Zeit im journalistischen Dienst 
verbracht hat, der taugt kaum mehr für einen anderen 
Beruf. Sonderbar genug — wohin er immer sich gestellt 
sehe, er fühlt sich degradiert dem gegenüber, was er früher 

21 



I 



trieb. Er ist der Aufregungen, komprimiert in jedem Sinne, 
zusammengedrängt in die kürzeste, atemloseste Weile, zu sehr 
gewohnt, liebt das Schlendern in den vielen langen, durch- 
aus notwendigen Pausen zu sehr, als daß er sich wo immer 
einheimen könnte, da man eine immer gleiche Leistung 
von ihm begehrt. 

Man beachte wohl: die Arbeitszeit, richtiger die Zeit, 
da er sich zum Dienst und notwendigen Falles zum Sprung 
bereit halten muß, eines modernen Journalisten ist an sich sehr 
lang und erstreckt sich regelmäßig unerhört tief in die Nacht 
hinein. Die modernen Bestrebungen zu ihrer Abkürzung 
haben hier wenig Aussicht auf Erfolg. Im Gegenteil: jeder 
Fortschritt im Maschinenwesen — was hier die Setzmaschinen 
bedeuten werden, läßt sich noch gar nicht voraussehen — 
der die Bewältigung der Auflage innerhalb einer kürzeren Zeit, 
die Erstreckung also des Druckbeginnes ermöglicht, bedeutet 
ihre Verlängerung. Und nun besteht die Chance, im günstigen 
Augenblick sich hervorzutun, sich durch eine Leistung, die nor- 
maler Weise selbstverständlich wäre und durch den Drang 
der Umstände ihren ganz besonderen Wert erhält, aus einer 
wenig beachteten Position in eine günstigere Stellung vor- 
zuschieben. 

Immer mehr erzieht sich die Zeitung ihren Nachwuchs 
selbst. Von Stufe zu Stufe rücken die jungen Leute vor; 
der einmal eine längere Frist sich betätigt hat, den, wenn 
er sichs nicht selber begehrt, schickt man nicht leicht 
mehr fort, auch wenn er dort nicht mehr zu brauchen ist 
oder sich nicht mehr recht verwenden lassen will, wo es 
zumeist auf die mechanischen Fertigkeiten ankommt. Über 
ein Weilchen hat er denen, unter denen er gedient, doch 
manchen Kniff, manche Fertigkeit abgeguckt und weiß sie 

22 



zu verwenden, sich irgendwo nützlich zu machen. Das Recht 
der Ersitzung, das in allen Betrieben eine so große Rolle 
übt, daß das eine eigene Betrachtung lohnen würde, macht 
seinen Einfluß geltend. Der eine Stellung ersessen hat, der 
behauptet sie in der Regel doch und wenn selbst vielfache 
Versuche nötig wären, herauszubekommen, wo er noch 
am tauglichsten sei. Der Stuhl aber, den er inne hat, 
der ist einem anderen, vielleicht wesentlich Begabteren 
und für dies Geschäft besser Ausgerüsteten doch einmal 
versperrt. 

Was nun diesen an Begabung abgeht, die sich so „her- 
auf gedient" haben, das ersetzen sie nur zu gerne durch 
Routine. Es ist ja nicht eben viel am Handwerk des Jour- 
nalisten, das zu erlernen ist, sicherlich nicht entfernt so 
viel, als wichtigtuende Adepten glauben machen wollen, und 
es ist nichts darunter, das einem gesunden Verstand nicht 
sehr rasch einginge. Einiges aber ist immerhin zu beherzigen. 
Es gibt Vorteile, die in der Arbeit fördern. Der sie von 
selber finden müßte, der verlöre Zeit und Nachdenken damit. 
Der sie üben sieht, dem leuchten sie rasch ein. Ferner — wer 
außerhalb des Betriebes ist, der weiß weder, wo augenblick- 
lich Mangel an Kräften ist; noch ahnt er, für welches der 
vielen Fächer er zunächst veranlagt ist, tastet und ver- 
sucht sich dort, um mannigfache, ihm unverständliche, also 
kränkende Zurückweisungen zu erfahren, bis er vielleicht 
endlich das Richtige trifft und sich durchsetzt. Dies alles 
bleibt dem erspart, der früh zum Dienst am Journalismus 
herangezogen wird. Er kann abmessen, wo die besten Aus- 
sichten sind; kann sich bewußt und mit Wahl erwerben, 
was ihm und jenen Zwecken dient, denen er sich zueignen 
möchte. Wie unermeßlich ein solcher Vorsprung ist, erhellt 
23 



leicht. Die reichsten Fähigkeiten können ihn kaum mehr 
wett machen. 

Es ist hier freiHch abermals eine gewisse Ähnlichkeit 
mit der Schauspielerei zu buchen. Man weiß: alle Finger 
lang taucht an dieser oder jener Bühne irgend ein Kind auf, 
das durch seine Leistungen einfach verblüfft, das die größten 
Erwartungen weckt und demnach von Unberufenen oder 
Unbesonnenen begrüßt wird. Mit jedem Tag aber, mit dem 
es sich der Reife nähert, schwindet ein Endchen Bewunde- 
rung. Man hat sich wieder einmal übereilt; einen guten 
Drill, der durch einen Zufall mit einem Pröbchen Individua- 
lität zusammentraf, für die Emanation einer frühreifen 
Persönlichkeit gehalten. Die Regel gilt aber doch, daß Kinder 
der Szene, erwachsen, fast niemals mehr taugen oder bedeuten, 
als brauchbare Mittelmäßigkeiten, die man wohin immer 
stellen kann und die nichts verderben. Ähnlich ist es mit 
den gelernten Journalisten bestellt, die wohl alles können, 
die sich allenthalben leidlich bewähren ohne jemals die Frage 
nach ihrem eigenen und eigentlichen Wesen zu wecken. 
Sie tun ihr Tagwerk — nichts darüber. Es besteht ja, wie 
aus gelegentlichen Anzeigen zu entnehmen ist, eine Hoch- 
schule für Journalismus in Berlin. Was daran gelehrt und 
getrieben wird, kann man sich ja ungefähr denken und es 
sind ja ganz bestimmt nützliche Kenntnisse, die da gelehrt 
und erworben werden. In dem aber die Anlage steckt, der 
besucht die Universität und ihre Kurse nicht, und man 
müßte Umfrage halten, wie sich die Absolventen der Praxis 
gegenüber behaupten und ob sie irgend einen Vorsprung vor 
den anderen, nicht schulmäßig zugerichteten bewahren. 
Ganz neuerdings ist in Österreich begehrt worden, es müsse 
tunlichst unverzüglich an der tschechischen Universität Prag 

24 



eine Sektion für Journalismus errichtet werden. Das stimmt 
ernst. Denn tschechische Wünsche sind und bleiben niemals 
fromm. Nachdenklich aber wird man auch. Denn nirgends 
in der Welt ist das geistige Proletariat, das ganz bestimmt 
zunächst ansehnlichen Zuwachs bekommen wird, nun schon 
so erschreckend groß, nirgends drängt es so ungestüm nach 
staatlicher Versorgung, wie bei dieser begabten Nationalität. 
Unter keinen Umständen können Bemühungen und feier- 
licher Aufwand, wie sie nun einmal vom Begriff einer Uni- 
versität nicht zu trennen sind, mit dem möglichen Resultat 
im Einklang stehen. Die den Stand am meisten gefördert 
und gehoben haben, die hatten in der Regel wirklich so 
oder so ihren Beruf verfehlt, aber ganze Kerle waren sie, 
und sie hattens in sich, was den großen Journalisten aus- 
macht und bedingt, und dahin sie ihr Schicksal gestellt, dort 
wußten sie sich zu bewähren, und was sie anpackten, das 
lag ihnen im Griff und hatte sein Gesicht. 

Derlei Persönlichkeiten nun sind freilich immer selten, 
so wenig im allgemeinen, wie bald gezeigt werden soll, jene 
Eigenschaften eben rar sind, die den Journalisten von Rang 
und Klasse selbst ausmachen. Ein korrekter, kaufmännischer 
Kalkül, der stets genauer angestellt wird, um hernach nur 
zu gern vor den Unberechenbarkeiten gerade dieses Geschäfts- 
zweiges umzuklappen, läßt sich nicht mit ihnen, nicht mit 
der Wahrscheinlichkeit anstellen, sie just dann zur Hand 
zu haben, wann man ihrer bedürfen wird, wiewohl auch 
hier das Gesetz gilt, daß jeder Nachfrage entsprochen wird. 
Erzogen aber können dazu Menschen kaum werden, und 
nehme man bei ihrer Unterweisung noch so sorglich alles in 
Betracht, was sie vielleicht einmal an Kenntnissen gebrauchen 
könnten. Das Produkt von Lehrlingszüchterei — denn auch 
25 



dazu hab ich einmal einen ganz niedlichen und nur durch die 
Ungunst der Umstände nicht gar geglückten Versuch mit- 
erlebt — werden sie allerdings noch minder sein. 




US WAS für Menschen und von welcher 
Beschaffenheit des Geistes sich vordem 
der Stand der Journalisten zunächst re- 
krutierte, ist leicht zu konstatieren. 
Bismarck hat das Wort von den Leuten 
vom verfehlten Beruf in einem Augen- 
blick zorniger Wallung gegen sie ge- 
schleudert, und man hat es ebenso gern wider sie gebraucht, 
wie das Wort vom verunglückten Hungerkandidaten. 

Es gab aber und es gibt immer noch Redaktionen in 
deutschen Landen, die es nach der Summe des darin vereinig- 
ten Wissens, selbst nach Tüchtigkeit der Gesinnung immer 
noch getrost mit viel ernsteren, staatlich anerkannten und 
angeblich dem Betrieb und der Förderung der Wissenschaften 
zugedachten Anstalten aufnehmen können. 

Erste Vorausbedingung für einen künftigen Pressemenschen 
war doch wohl eine gewisse Beweglichkeit des Geistes, die 
sich bis zur Unruhe steigern durfte. Es mußte ihn eben 
viel und mancherlei so weit anziehen und beschäftigen, daß 
es ihn eine Zeit wie der künftige Beruf lockte, um ihn wieder 
über eine Zeit zu entlassen, nachdem er sich für seine Zwecke 
genugsam davon zugeeignet. 

Ferner : ein sicheres und mehr noch — ein williges und 
reich besaitetes Gedächtnis war nötig. Darin ruht ja jene 
Fähigkeit der Assoziation, ohne welche journalistisches Tun 
und Arbeiten undenkbar ist. Man muß auf das Schlagwort 
hin, welches der Tag zureicht und aufwirft, in sich Bezüge 

26 



und Verflechtungen auftauchen sehen, welche anderen, auch 
sehenden Augen sich so ohne weiteres nicht offenbaren, 
muß sie für jedermann klar stellen können, und zwar ohne 
Suchen. In ihrer mindestens scheinbaren Mühelosigkeit liegt 
nämlich mit der stärkste Reiz, den eine journalistische Arbeit 
ausübt. In nichts darf sie der Anstrengung des Geistes 
gemahnen, die zu ihrer Förderung notwendig war. 

Historische Kenntnisse, mindestens so weit auf die 
Quellen gegründet, daß man gelegentlich einmal ein minder 
bekanntes Zitat oder eine von der allgemeinen Auffassung 
paradox abweichende Meinung wagen konnte, waren 
also höchst erwünscht und geschätzt. Kenntnisse in Sprachen 
begründeten immer einen Vorrang und Vorsprung. Philo- 
logische Studien aber, zu- genaue Ergründung der Mutter- 
sprache und ihrer Gesetze, sind mindestens für den Beginn 
eher als ein Nachteil zu erachten gewesen. Sie lähmen gern 
mit allerhand Bedenklichkeiten, mit Gewissensfragen nach 
der Zulässigkeit einer Wendung oder einer Fügung, die der 
Journalist durchaus und unter gar keinen Umständen in 
der Arbeit in sich aufkommen lassen darf. Denn ihr Wesen, 
mindestens während ihrer Dauer, ist dreiste Zuversicht in sich 
und sein Können. 

Es war weiterhin eine Empfehlung, wenn man sich 
einigermaßen in der Philosophie umgetan hatte. Nicht nur, 
wie es ja gegenwärtig noch beliebt und in manchmal gleich 
direkt komischer Weise gebräuchlich ist, damit man den 
augenblicklichen Modephilosophen sich zum bequemen und 
immer bereiten Eideshelfer nehmen und aufrufen könne. 
Sie verleiht immerhin eine ansehnliche Schulung und Schmeidi- 
gung des Geistes, sie wirkt verstärkten Sinn für die inneren 
Zusammenhänge der Begebenheiten und ihre Logik, und, 
27 



weil sie ihm und seinem ganzen Bildungsgange eigentlich 
am fernsten, in ganz ehrfürchtig gemusterten, ungern be- 
tretenen Räumen liegt, so imponiert sie dem Durchschnitts- 
menschen, auch der ganz tüchtig gelernt hat und sonst 
beschlagen ist, schon vermöge der Befähigung zu Begriffs- 
bestimmungen mit am meisten. Es ist immer noch etwas 
Mystisches an ihr und um sie. Und nun ist es immer gut, 
sehr gut, daß der Journalist durch welche Mittel immer 
imponiere. Dem Leser gegenüber muß er immer überlegen 
sein oder erscheinen. Ein vortreffliches Mittel dazu ist die 
Gabe, Maximen zu prägen, die ja nicht durchaus Stich halten 
müssen, oder Epigramme zu formen und abzuschnellen. 

Die Nützlichkeit einiger staatswissenschaftlicher und 
verfassungsrechtlicher Kenntnisse läßt sich nicht übersehen; 
sie frommt ganz besonders in bewegten Zeiten mit sich immer 
erneuernden Evolutionen, die man sich vorbereiten sieht, 
ohne ausnehmen zu können, wohin sie eigentlich an ihrem 
letzten Ende zielen. Die Tage, welche unser Geschlecht 
durchlebt, scheinen mir von solcher Art und Beschaffenheit; 
alle Fragen, die uns beschäftigen, nicht nur an sich, viel- 
mehr noch dadurch wichtig, was sie bergen, schieiern und 
verhüllen. Da bewähren sich auch Rechtskenntnisse in 
ihrem wahren Wert; es sind meist Juristen oder Historiker 
mit einem starken Einschlag von juristischer Bildung, die 
in leitende Stellungen rücken und sich dort behaupten. Neuer- 
dings hat die wachsende Einsicht von der Wichtigkeit der 
Volkswirtschaft, die zuletzt alles öffentliche Leben bedingt, 
die alle seine Formen ummünzt, sich und ihren Forderungen 
mit immer stärkeren Nachdruck und Erfolg zu unterwerfen 
bestrebt ist, trotz allen Wehgeschreies derer, die so Ideale 
schwinden sehen, mit gutem Fug, wieder eine immer stärkere 

28 



Gruppe von Erkenntnissen für den Dienst der Zeitung mo- 
bilisiert. 

Zu diesem Wissen nun gehörte aber noch ein nervöses, 
impulsives Temperament, das es gar nicht erwarten konnte, 
sein Urteil zu den Dingen zu geben, seinen Senf an den 
Braten zu tun, den die Tagesereignisse roh genug dem Jour- 
nalisten auf den Tisch liefern. Was er an inneren Ressour- 
cen, an Möglichkeiten der Einsicht, der Erkenntnis und des 
Urteils besaß, das mußte und muß durchaus mobil, immer 
und bei jedem Anlaß gleich bereit und gleich geneigt zur 
Abwehr wie zum Angriff dastehen, vollkommen in der Hand 
und der Befehle dessen gewärtig, der darüber gebietet. Ganz 
besonders journalistisch gilt die alte Fechterregel, daß die 
beste Parade der Hieb ist, daß in einer entschiedenen und 
womöglich unerwartet einsetzenden Offensive die wahr- 
scheinlichste Gewähr des Sieges liegt Es hat zwar einer 
der feinsten Köpfe, die jemals in Deutschland sich dem Dienst 
der Zeitung zugekehrt haben, ohne sich von ihm verbrauchen 
zu lassen, Ferdinand Kürnberger, der sehr zu Unrecht fast 
völlig vergessen ist, schon über den Mißbrauch gespottet, 
der im journalistischen Handwerks Jargon mit den Wendungen 
der ritterlichen Sprache getrieben werde, daß man einander 
löschpapierene Handschuhe ins Gesicht werfe und ähnliches 
mehr. Das scheint widersinniger, als es ist. Lessing, der 
Polemiker — Erich Schmidt macht sehr fein darauf aufmerk- 
sam — hat eine Vorliebe für solche Wendungen in seinen 
Streitschriften, und sie mag von ihm allen seinen erheblich 
minderen Nachfahren vererbt und Übermacht worden sein. 

Übrigens — so friedlich das Handwerk an sich scheine, 
so harmlos sich sein Rüstzeug darstellt — in seinem Kern 
steckt doch ein kriegerisches Element. Von Anbeginn ab! 
29 



Man hat vielleicht die Lutherischen Streit- und Flugschriften, 
die einmal die Gemüter deutscher Nation so leidenschaftlich 
aufwühlten, die, dem Flugfeuer gleich, zündeten an Orten, 
da man kaum begreift, wie sie in jenen Tagen mit so 
rätselhafter Schnelligkeit hingelangen konnten, noch nicht 
genug auf ihre journalistischen Elemente hin betrachtet und 
untersucht. Eines sei vermerkt: wie meisterlich gebraucht 
der gerechte und tapfere Gottesmann Martinus einen immer 
noch gerne geübten und stets wirksamen Kniff : mitten in 
einer scheinbar vollkommen gelassenen und objektiven Unter- 
suchung den Gegner, mit dem er sich herumschlägt, mit 
vollem Namen zu nennen und höchst persönlich und rück- 
sichtslos anzuschnarchen . . . 

Es gehörte ferner jene Gattung von Rauflust dazu, die 
dem Widersacher nicht den kleinsten Triumph gönnt; die 
Zugeständnisse, wenn sie einmal schon ganz und gar nicht 
zu vermeiden sind, nur macht, um zu beweisen, wie wertlos sie 
neben den eigentlichen Kern- und Streitpunkten seien, so 
daß man dem Überwundenen billig einen nichtigen Vorteil 
zugestehen könne, der ihn über seine Niederlage in allem 
Wesentlichen und über das traurige Geschäft, einer verlorenen 
Sache dienen zu müssen, weil die gute seiner durchaus nicht 
begehre und ihn nicht gebrauche, mindestens einigermaßen 
tröste. Das sind Künste rabulistischer Anwälte vor Gericht; 
sie haben denn auch wirklich in hohem Maße als Muster 
gedient, und selbst die Art, die Zeugen zu verwirren oder 
mindestens zu entwerten, stammt daher : ich meine die Ver- 
dächtigung der Gewährsmänner, von denen man meint, die 
Gegenpartei könnte sich auf sie stützen wollen. 

Geschah das nun mit ehrlichem Temperament, so war 
alles doppelt wirksam. Denn dafür hat auch derjenige eine 

30 



Art Witterung, der sonst nicht sehr sicher von Urteil ist; und 
derlei pflegt länger von Dauerhaftigkeit zu sein, weil doch 
etwas Ernstes und Wahres angerührt wurde und mitschwang. 
Darin liegt denn auch der Wert einer Gesinnung für den 
geschulten und seiner Sache gewissen Journalisten. Sie er- 
leichtert ihm die Arbeit, indem sie ihn leichter in Stimmung 
und in nachhaltiges Feuer — immer mehr blendend, als 
zündend! — kommen läßt; indem sie es ihm erleichtert, 
seine Stellung gegenüber den vielen Möglichkeiten, die jeder 
Fall einem gewandten und zu spüren gewohnten Geist dar- 
bietet, einzunehmen und mit einer gewissen Folgerichtigkeit 
zu behaupten. Zu starr und zu unbiegsam darf jene Ge- 
sinnung freilich nicht sein, sonst bedeutet sie ein Unglück 
und das Hindernis einer ganzen Laufbahn, die endlich nie- 
mand so leicht um seines Gewissens willen aufs Spiel setzen 
wird. So hält sich denn ein Kluger gern die Möglichkeit 
eines Rückzuges offen, auch dann, wenn er gar nicht daran 
denkt, ihn anzutreten. Der Scherz, sich die besiegte Sache 
besser gefallen zu lassen, ist nur in zu seltenen Umständen 
lohnend, als daß man ihn unbesorgt und als Norm ge- 
nehmigen könnte. Und man vergißt gern: der sich zuerst 
dieses Vergnügen prinzipiell vergönnte, das war nicht etwa 
ein armer Teufel von einem Artikler, einem Chef oder einem 
Verwaltungsrat oder doch mindestens den nach ihren Zinsen 
hungrigen Aktionären verpflichtet und mit einer ganz un- 
angenehmen Kündigungsklausel in seinem Vertrag, — das 
war ein recht vermöglicher, römischer Großgrundbesitzer. 

Auch eine gewisse Leichtfertigkeit gegenüber der Ver- 
antwortlichkeit endlich ist gut und sie steigert sich im All- 
gemeinen rascher und schärfer, als selbst vielleicht gut ist. 
Man erwäge zum Beispiel, welche Flut von Nachrichten sich 
31 



manchmal innerhalb einer knappen Spanne Frist zusammen- 
drängt, um von einem einzelnen überprüft und abgeschätzt 
zu werden. Sicherlich : das Fundamentale an ihnen ist an- 
nähernd gleich; das Tatsächliche, das sie melden, darf so 
ziemlich für feststehend gelten. Nun aber kommen die Mel- 
dungen über Einzelheiten; sie verändern und sie verschieben 
mit jedem Augenblick das Gewicht, ja das Gesicht der Tat- 
sache. Der da zögerte, der warten wollte, bis alles un- 
zweifelhaft ins Lichte und ins Wahre gestellt sei, der wäre 
verloren; ihm könnte nur zu leicht übern Kopf wachsen, 
das er sichten soll, und er müßte im letzten, drängenden 
Augenblick, in sich mit dem gleichen, dumpfen Gefühl un- 
genügend getaner Pflicht, an das Werk gehen, das er besser, 
bequemer und minder verworren von Widersprüchen um 
vieles früher getan hätte. An solchen Naturen verliert der 
Journalismus auch wenig. Eines der obersten Gesetze der 
journalistischen Wirkung ist nämlich : eine Blosstellung emp- 
findet eigentlich nur derjenige ganz, der sich die Blöße 
gegeben hat. Das Publikum im allgemeinen merkt sie nur 
dann, wenn es recht nachdrücklich darauf aufmerksam ge- 
macht wird. Sie bedeutet nicht einmal immer eine Schädi- 
gung; zu oft wiederholen darf sie sich nun freilich nicht, 
weil man sonst stutzig wird. Im allgemeinen: der Hast 
und Flüchtigkeit, mit der Zeitungsarbeit hergestellt zu werden 
pflegt, entsprechen die analogen Eigenschaften des Auf- 
nehmenden. Eine gewisse Gedankenarmut aber, wenn sie 
sich nur nicht bis zur Borniertheit steigert, ist kein Unglück. 
Im Gegenteil: Wiederholung derselben Ideenfolge nur mit 
anderen Worten ist oftmals sehr gedeihlich, — sie hämmert 
der Menge ein, was sonst an ihr, die dickfellig und schwer 
zu halten ist, niedergleiten möchte; und sie erweckt unter 

32 



Umständen den schönen Schein der Überzeugungstreue, die 
vielleicht auch einen realen Wert durch die Gunst der Sterne 
gewinnen kann. Denn — es muß die Meinung bestehen, 
man habe, was man verkaufen will. 

Der unter Umständen nicht den Mut und den uner- 
schütterlichen Entschluß zur Trivialität hat, in dem sich dabei 
immer noch etwas erhebt und empört oder mindestens einen 
fatalen Geschmack aufweckt, oder der sich ekelt, wenn er 
sich selber nachschreibt und nicht vielmehr mit immer neuem 
Entzücken seinen Geist abklatscht, der hat immer einen 
schweren Stand und ein hartes Brot im Journalismus. Fau- 
stische Naturen haben da eigentlich wenig zu suchen und zu 
erwarten, da im allgemeinen der Wiederkäuer eine große 
Zahl ist . . . 




URCH die Entwicklung des modernen 
Zeitungswesens aber und durch die Ent- 
wicklung der Parteienverhältnisse, die sich 
dann im Journalismus auszuprägen wün- 
schen, verliert an Wert, was man von 
der Natur mitbekommen hat. Das Er- 
lernbare wird mehr. Es dominiert. 
Es läßt sich nämlich nicht bezweifeln, daß die ursprüng- 
lichen, die politischen Gegensätze viel an ihrer Schärfe ver- 
loren haben, so ungern das die Parteigänger und gar die 
Klopffechter aller Lager zugestehen würden. Sie müssen 
immerdar im Harnisch einherrasseln, bereit, die heiligen 
Grundsätze zu verteidigen, die man anders mit Kampfer 
bestäuben und so vor den gefräßigen Motten schützen möchte. 
Nur in Ländern, da nationale Fehden bestehen und un- 
verjährbar ausgetragen werden, nur dort ist eine Verständi- 
»33 V 3 



gung schwer und die geheime Lohe niemals völlig zu 
unterdrücken und bereit, beim mindesten Anhauch wieder 
ingrimmig auszubrechen und ihr Unheil zu tun. Da kommt 
nämlich der Ehrenpunkt ins Spiel, über den man streiten 
kann, aber wegdeuteln oder auch nur wegwünschen aus 
dem Leben der Völker kann man ihn nicht. Er hat doch 
zu Leistungen und Anstrengungen gespornt, die anders nicht 
denkbar gewesen wären. Und, je minder sich der einzelne 
oder die vielen darüber klar werden, was alles in ihm ent- 
halten ist, desto leidenschaftlicher verbeißen sie sich auf 
ihn, wittern für ihn Gefahren und hüten und hegen ihn. 

Er zählt eben zu jenen Imponderabilien, die allzu 
Nüchterne nicht in sich fühlen noch aufwecken können. 
Denn es ist nicht leicht, da Komödie spielen. Und man 
darf es ihnen nicht einmal verargen, wenn sie also kühl 
bleiben und sich der Erhitzten, Anderen verwundern. Nur 
wegfegen werden sie diese Ekstasen darum doch nicht, 
und kein noch so bestimmter und geglückter, logischer Nach- 
weis, sie seien überflüssig, ja schädlich und sie hemmten 
den Fortschritt der Gesamtheit, wird groß fruchten. Das 
ist übrigens auch nicht so ausgemacht. Was dem Einzel- 
nen frommt und dem Gliede nützt, das müßte, sollte man 
meinen, früher oder später doch auch der Gesamtheit als 
dem Komplex aller Einzelnen irgendwie zugute kommen. 
Wie dem immer sei, im nationalen Leben spielen oftmals 
die Imponderabilien die entscheidende, die fördernde Rolle. 

Der Staaten aber, in denen die nationalen Gegensätze 
eine so große Rolle spielen, sind wenige. Eigentlich sind 
wir in Österreich allein noch mit ihnen in unvermittelter 
Schärfe gestraft und es scheint, als ob sie sich auch in Ungarn 
schärfer akzentuieren wollten. Ein avitisches Element mehr 

34 



zu den vielen, die sich bei uns immer noch behaupten, 
wo der Boden für Überständiges nun einmal sehr günstig 
zu sein scheint. 

Sonst aber meint man, überall das Absterben aller scheinbar 
unüberwindlicher Begriffe mit Augen zu sehen. Es ist viel- 
fältig Spiel, daran man sich vergnügt, um sich und seine 
Gewandtheit zu zeigen, geworden, was vordem bitterer Lebens- 
ernst gewesen. 

Die ökonomischen Fragen beherrschen nun einmal fast 
ausschließlich und mit einer niederzwängenden Gewalt alle 
Geister. Nur zugestehen will mans immer noch nicht so 
uneingeschränkt. Ideologische Mäntelchen werden aus irgend 
einer ehrwürdigen Rumpelkammer vorgekramt und sie sollen 
verhüllen, das nackt darzustellen man sich noch immer 
scheuen möchte. 

Und dennoch weiß jeder, was sich dahinter birgt; und 
insgeheim belächelt jeder die hohen und feierlichen Worte, 
die man immer noch nicht lassen kann, und die gestelzte 
Komödie, die man agiert, wo es eigentlich nur um das geht, 
ohne das man leider nicht sein kann, — um das Bedürfnis. 
Es steckt immer noch mehr Pfaffentum und Freude an der 
Würde der Auguren in allen, die in der Öffentlichkeit agieren 
und sich vernehmen lassen, denn gut ist. 

Nun wissen wir heute mit aller wünschenswerten Be- 
stimmtheit : die ökonomischen Schlachten sind viel wichtiger 
und sie wirken unmittelbarer, als die auf dem Blachfeld 
ausgetragen werden und die nur zu oft — man hat das an 
den drei letzten Kriegen: Japan gegen China, der Trans- 
valkrieg, der um die Mandschurei, in klassischer Klarheit 
sehen können — überhaupt nichts anderes sind, als ein Versuch, 
ein ökonomisches Ringen durch Mittel der Gewalt zur Ent- 
35 3* 



Scheidung zu bringen, wenn andere Behelfe zum gleichen 
Ziel versagt haben. 

Die Entscheidungen, welche hier fallen, machen sich 
fast unmittelbar merklich. Jeder Sieg fruchtet, jede Nieder- 
lage schädigt fast augenblicklich, und weil die Welt eng und 
mit immer dichteren Maschen eines allgemeinen und gemein- 
samen Interesses übersponnen worden ist, so merkt man sie 
auch dort, wo man sich vollkommen unbeteiligt und sicher 
gewähnt hatte. Die Zahl der Opfer, welche eine wirtschaft- 
liche Katastrophe mit allen ihren Folgen mittelbar und un- 
mittelbar verschlingt, übersteigt denn auch nur zu häufig 
um ein Vielfaches die Gefallenen auch der blutigsten und 
erbarmungslosesten Feldschlacht, von der uns die Annalen 
berichten. 

Ob jemals bis nun im ökonomischen Kampf eine ab- 
schließende Entscheidung gefallen ist, ob er sich nicht in 
immer neuen Vermummungen fortsetzt, ist ungewiß; er 
scheint jene Fehde, von der die Sagen melden, die bis ans 
Ende der Tage währen wird, um hernach vom Reich des 
Friedens und der allgemeinen Wohlfahrt, das dann aus sich 
heraus auch ein Reich des Einklanges und der Schönheit, 
also das dritte Reich Ibsens wäre, abgelöst zu werden. Es 
ist interessant, wie allgemein, wie als notwendige Ergänzung 
dieses verworrenen und hadervollen Daseins, das zu führen 
wir verdammt sind, der Geist der Menschheit diesen Traum 
geträumt und liebevoll ausgestaltet hat. 

Zur Vorbereitung eines ökonomischen Feldzuges gehört 
sicherlich nicht weniger Umsicht, Berechnung des richtigen 
Augenblickes, Abwägung der Mittel, wie zu der eines Waffen- 
ganges. 

Und endlich drängt nur zu gern hier wie dort der Augen- 

36 



1 



blick und leidet keine Zufristung und keine Verschiebung 
der Gegensätze mehr, so erwünscht sie vielleicht just in der 
letzten Stunde käme. Das Ungefähr entscheidet dennoch 
und triumphiert über allen Weisheitsdünkel, und das Glück 
muß zuletzt das Beste tun. 

Nun kennt der ökonomische Kampf auch seinen Herois- 
mus, sogar sein stilles, heldenhaftes Verbluten, wenn es die 
Durchführung eines Gedankens gilt, der sich als unrichtig 
herausstellt, während kein Rückzug mehr möglich ist. Er 
erfordert Mut und Nervenkraft, Anspannung des Letzten, 
das man in sich oder in seinem Besitz hat, wie nur einer. 

Dieses alles aber vollzieht sich ohne große Gebärde und 
ohne ein lautes Wort, Derlei paßt hier einfach nicht einmal 
dann, wenn, wie es in den letzten Jahren doch wiederholt 
gewesen ist, sich die Tragik des Spekulantentums offenbart. 
Da geht es nämlich im Grund um Rechenfehler bei Dingen, 
wo man sich nicht verrechnet haben darf. Und es ist das 
Pathos immer unangebracht, wenn man von ihnen spricht 
und sie erörtert. 

Damit ist abermals, mindestens für Leute von Geschmack 
und von Stilgefühl, im allgemeinen aus einer ganzen Reihe 
höchstwichtiger Gegenstände der Betrachtung, die das Pu- 
blikum desto lieber erklärt wünscht, weil es ahnt, wie belang- 
reich sie dem Einzelnen sind, der vor ihnen doch wie vor 
unholden Rätseln steht, etwas ausgeschaltet, ohne das vor- 
dem der Journalist gar nicht arbeiten konnte, das eines der 
bewährtesten Mittel seiner Wirkung war. Das kann nicht 
ohne mannigfache Rückwirkung bleiben. 

Man denke, wie sehr von Belang der Allgemeinheit 
nunmehr eine Vorstellung über die Notwendigkeit, die Möglich- 
keit, die Wirksamkeit der wirtschaftlichen Verbände und der 
37 



Organisationen geworden ist. Wer hat sich noch vor kurzem 
um solche Dinge gekümmert, die jetzt schon mehr und 
mehr die Menschheit in zwei gewaltige Heerlager teilen ? 
Wer kümmerte sich darum, ob die Trusts für die Verwertung 
der nationalen Arbeit ein Heil oder ein Unheil seien? Der 
größte Teil gerade der Gebildeten heuchelte oder empfand 
diesen Angelegenheiten gegenüber eine vollkommene Interesse- 
losigkeit, die genau so abgeschmackt war, wie ihre Scheu vor 
körperlicher Betätigung, als verunreinige sie, als dürfe der 
Gelehrte wirklich nur seinem Geist mit vollkommener Miß- 
achtung des Körpers, seiner Kräftigung und seiner Ent- 
wicklung leben. 

Eine Betrachtungsweise, stets enger und unmittelbarer 
an den Tatsachen und zunächst, wenn nicht jene leidigen 
Interessen der Eigner dazwischen kommen, denen sich immer 
unbedingter alles fügen und unterordnen muß, immer ehr- 
licher bemüht, der Erklärung der Vorgänge und dessen zu 
dienen, was sie vorbereiten, wird also wohl in höherem 
Grade notwendig werden. 

Das nun bedeutet für viele den Zwang, umzulernen, 
zu vergessen, was sie lange geübt, die Altäre, daran sie 
zelebrieren, nicht mehr mit Blumen zu bekränzen, vielmehr 
ihr Mauerwerk und ihre Konstruktion zu erklären. Allen 
kann das nun nicht mehr glücken. Es ist auch nicht durch- 
weg ein leichter Entschluß; kann nach Profanation schmecken, 
wenn einer den alten Kultus zu vollbringen gewohnt ist. 
Das Gehirn, das sein Werk lange innerhalb gewisser Bahnen 
vollbracht hat, gewöhnt sich nicht leicht an neue Manieren 
und Methoden. Und so wird manch einer ins Hintertreffen 
gerückt und muß sich damit bescheiden, der sonst in erster 
Reihe seinen Mann gestellt. 

38 



Es ist damit auch die Erregbarkeit und leichte Ent- 
flammung des Geistes, ohne die ein gerechter Journalist vor- 
dem nicht zu bestehen vermochte, erst in zweiter Linie wichtig. 
Es wird immerhin in aller Zukunft vorkommen, daß man 
zornige, warnende Rügerede sprechen, daß man ein reicheres 
und mannigfacheres Stückel herunterspielen muß, als gewöhn- 
lich. Die Fähigkeit dazu ist bei nur einiger Geduld und 
Anlage bestimmt erlernbar. Es wird nur immer mehr nach 
einer Rolle, die man studiert und hernach ganz tüchtig zur 
Geltung zu bringen weiß, als nach einer Gestalt schmecken, 
die man tief in sich gehegt, die man innerlich erlebt haben 
muß, ehe man sie wiedergeboren. 

Es waren vordem überwiegend Menschen mit künst- 
lerischen Anlagen, die sich der Zeitung zugewendet haben. 
Es hatte sich herausgestellt, daß sie für größere Aufgaben 
und letzte Probleme nicht stark genug waren; oder sie 
fühlten sich dem harten, verzehrenden und immer neu ein- 
setzenden Kampf des Künstlers mit sich selber, mit der Um- 
welt, mit den Notwendigkeiten des Lebens nicht gewachsen 
und sie suchten so einen Unterschlupf und einen gesicherten 
Erwerb, der immerhin etwas Künstlerisches, etwas Freies an 
sich hätte. Norm und Form aber trugen sie von ihrer ur- 
sprünglichen Bestrebung nun einmal unverlierbar in sich, und 
sie wußten sie auch im Handwerk, daran sie sich nun be- 
tätigten, zu prägen und zu füllen. Ihnen dankt nicht nur 
der Journalismus, den sie eigentlich erst erhöht haben, 
ihnen dankt die Sprache selber in Hinsicht auf Bereicherung 
und Schmeidigung sehr viel. Aber, nun es kaum eine 
Frage mehr gibt, die man nicht in vollkommen ent- 
sprechender Weise zu behandeln verstünde, nun auch 
Mindere den Guß besorgen können, den größerer Vor- 
39 



ganger Lehre erst ermöglicht, nun ist ihre Zeit wohl für 
immer um. 

Es hat sich herausgestellt, daß der journalistisch*e Be- 
ruf sich mehr und mehr anderen Berufen annähert; der 
Nimbus, als müßte man dazu ganz besonders auserlesen sein, 
beginnt sich zu verlieren. 

Er bietet Versorgungsmöglichkeiten, wenn man ihn zur 
Zeit und mit Wegekenntnis ergreift, wie nur einer. Auch 
in ihm kann man gesetzmäßig vorrücken, sich heraufdienen. 
Und — er gewährt überdies eine frühe Art von Selbständigkeit 
und zeitig ein genügendes Auskommen für einen Einzelnen. 

Dazu kommt, daß auch dem Glücksfall immer noch 
ein ansehnlicher Spielraum offen geblieben ist. Jeder Jour- 
nalist kann und muß der Meinung sein, er trage neben dem 
Bleistift, mit dem er seine Notizen macht, den Marschall- 
stab seines Gewerbes bei sich. Die günstige Laune und 
Stimmung eines Mächtigen, der freundliche Eindruck eines ein- 
zigen Augenblickes können eine ganze Laufbahn bestimmen 
und fördern. 

Denn hier hat jede Art von Fähigkeit und von Leistung 
ihren Anwert und also auch nach der Marktlage und der 
augenblicklichen Konstellation ihren wechselnden Preis. Der 
Rang vor dem Publikum muß keineswegs auch den nach 
dem Einkommen bestimmen. Den niemand außerhalb des 
engsten Kreises und Verbandes der Redaktion kennt, der 
mag für die Einträglichkeit des Blattes von viel " höherem 
Werte sein, also viel höher im Gehalte stehen, als der ge- 
feiertste Namen, der vielfach den Ruhm zu seinem Sold 
schlagen muß. 

Man kann seine persönliche Geltung bei der Zeitung 
suchen^und finden, und man kann sich bescheiden hinter 

40 



ihren Blättern verbergen, zufrieden, den Einfluß, den der 
Dienst an ihr leiht, zu haben und im rechten Augenblicke 
für sich und die eigenen Zwecke zu nutzen und zu ver- 
wenden. Denn auf die weitesten Kreise übt die Publizität 
ihre Lockung. Man kann sich durch Reden zur rechten 
Zeit und wiederum durch Verstummen, wenn das erwünschter 
sein sollte, auch Mächtige verpflichten, mit denen in Ver- 
bindung zu sein nicht nur der Eigenliebe schmeichelt, nicht 
nur gelegentlich mal lohnt, und zwar überreichlich, vielmehr 
auch den eigenen Wert und das Ansehen an sich gegenüber 
den Unternehmern steigert. Hier kann einmal wohl selbst 
der natürliche Takt ein Kapital sein, das reichlich lohnt 
und zinst. 

So lockt denn gerade das Metier mit vielseitiger und 
mit starker Lockung zugleich. Es ist beinahe, als berge es 
die Möglichkeit jeder Wunscherfüllung in sich. Die idealste 
Gesinnung kann sich ebenso wie eine nur den unmittel- 
barsten Interessen zugekehrte Denkart dabei ihre Befriedigung 
erhoffen. Freilich werden hohe Ideen sich kaum lange rein 
und ungetrübt bewahren können. Je zarter etwas ist, desto 
minder kann es sich in der Klipp- und Tretmühle behaupten, 
und man darf beinahe fragen, ob Kostbarkeiten und Selten- 
heiten, wie Adel und Lauterkeit der Seele, nicht zu schade 
und zu selten sind, um in der Fron um den Alltag ver- 
braucht zu werden, wie es doch unvermeidlich und unab- 
wendlich geschehen muß, flüchtet sich der, den es angeht, 
um sich und sein bestes Teil zu retten, nicht in eine Doppel- 
existenz und in ein Doppelbewußtsein. 

Es ist ferner aber unmöglich, diesen Stand eigentlich 
zu organisieren. Je höher die Macht der Unternehmerschaft 
steigt, desto mehr sinkt die Fähigkeit der Angestellten, sich 
41 



ihr zu widersetzen. Von allen Seiten her und in jeder nur 
erwünschten Zahl ist Zuzug zu schaffen. Anwärter auf 
jede Stellung, die sich etwa auftut, kann man in jeder be- 
liebigen Güte und Beschaffenheit finden. Es gibt weder eine 
bestimmte Vorbildung, noch muß sie bis zu einer gewissen 
Stufe geführt sein. Vielleicht ist es sogar ein Vorteil, sie 
ist unfertig, wenn man diese Lückenhaftigkeit empfindet und 
spürt, was wohl den besten Wert habe, diese Lücken zu 
füllen. Der in sich Geschlossene, der sucht den Maßstab in 
sich auf die Dinge zu wenden. Das geht hier nur selten, nur 
bei gewissen Gebieten. Innerhalb der Arbeit bietet sich 
nicht nur die Gelegenheit, bietet sich sogar der Zwang, zu 
lernen ; aus der Fülle der Eindrücke heraus muß doch wohl 
etwas haften und eine Wirkung üben. Der Befähigungsnach- 
weis kann nur am Werk selber erbracht werden; es mögen sich, 
nach manchem Versagen, wo man sichs gar nicht erwartet 
hätte, Talente von ganz überraschender Richtung offenbaren. 
Ein großer Organismus ist die Zeitung geworden; die sie 
braucht, die zieht sie an sich heran, erzieht sie sich, stößt 
sie fast automatisch ab, wenn sie ihr nicht taugen oder 
sich nicht bewähren. Zu sparen braucht sie nicht; sie schöpft 
aus dem unermeßlichem Reservoir des gebildeten Proletariats, 
das zunächst einmal froh sein muß, überhaupt eine Ver- 
wendung für sich und seine Kenntnisse zu finden. Und 
weil nun die Angehörigen dieses Standes aus den verschie- 
densten Alters-, Bildungs- und Gesinnungsstufen sich rekru- 
tieren, ist eine eigentliche Organisation ausgeschlossen, weil 
sie innerlich nicht zu vereinigen sind, und man bleibt und 
ist trotz aller großen und schönen Worte auf Kongressen 
den Eigentümern und Unternehmern gegenüber wehrlos und 
ihrem Wohlwollen überlassen in Ewigkeit, Sela! 

42 




O UNTERWIRFT sich der Großbetrieb 
diesen an sich wichtigen Zweig mensch- 
licher Betätigung für immer, und man 
sieht durchaus nicht ab, wie sich von ihm 
jemals befreien oder nur seine Schranken- 
losigkeit und Willkür dämmen. 
Und zunächst — wie schon Eingangs 
gesagt — leben wir ja wohl noch in einer Übergangszeit, die 
aber weit genug schon vorgerückt ist, um bestimmen zu 
können, was da werden und sich durchsetzen will. Die aber 
in sie hineingeraten sind, die verspüren freilich alle ihre 
Unbehaglichkeiten heftig. 

Noch leben Einige aus der früheren Periode der Prin- 
zipalschaft etwa; da der Gründer eines Unternehmens in 
mehr als nur einer Hinsicht auch zu seiner. Leitung befähigt 
sein mußte, da er sich mit den Männern seines Vertrauens, 
die er sich selber nach seiner Meinung von ihren Fähig- 
keiten und ihrer Berufung ausgesucht hatte, gemeinsam ans 
Werk begab. 

Natürlich konnte ein solches Verhältnis, wenn es dauerte 
und gar von Erfolgen geleitet ward, nicht rein geschäftlich 
bleiben. Die in einer solchen Beziehung aber zu den Lenkern 
gestanden waren, wie sie sich aus der Gemeinsamkeit von 
Sorgen, von Versuchen ergeben, die hatten natürlich in jeder 
Hinsicht Ansprüche, die man ohne weiteres nicht annihi- 
lieren konnte. Das heißt also — sie wurden unbequem, je 
höher die Machtfülle der Zeitung selber und also auch dessen 
wuchs, in dessen Person sie sich verkörperte: des Eigen- 
tümers, des Chefs. 

Zermalmung der Individualitäten, die ganz wenigen aus- 
genommen, die er für seine Zwecke braucht, diese Wirkung 
43 



übt der Großbetrieb immer und überall, somit auch hier. 
Es darf unbedingt kein eigener Wille mehr gelten, kaum 
mehr eine eigene Ansicht. Jeder hat sich ganz und ohne 
Frage zu fügen; die letzten Gründe, welche oftmals über 
die Haltung einer Zeitung in den allerwichtigsten Fragen 
entscheiden, die weiß in der Regel ein Einziger, der nicht 
den mindesten Anlaß hat, sie zu offenbaren. Sind Chef 
und Eigentümer identisch, so ist die Möglichkeit eines 
schranken- und rücksichtslosen Despotismus mindestens 
theoretisch gegeben. Da und dort soll es nicht nur bei der 
Theorie verblieben sein. 

Dazu hat sich ganz neuerdings etwas offenbart, das 
auch für schärfere Augen etwas Überraschendes und Ano- 
males hatte, als man es zuerst zu gewahren glaubte, und 
das dennoch ein. Gesetz scheint und also wirkt. 

Was man vom Erzieher schon längst gesagt hat: sein 
bestes Bemühen kehre sich gegen ihn selber und sei dahin 
gerichtet, seine eigene Tätigkeit entbehrlich zu machen, das 
gilt in einem ziemlich unbedingten Maße auch nun schon 
vom Journalisten. 

Es sind, auf natürlichem Wege, das heißt durch Alter 
oder durch Tod oder durch Konflikte interner Art Männer 
aus dem Betrieb von Zeitungen ausgeschaltet worden, die man 
für absolut unentbehrlich hätte halten müssen, auf denen die 
Geltung, das Ansehen des Blattes überwiegend zu ruhen schien. 

Fast niemals aber hat das Unternehmen, dem sie ver- 
loren gingen, dadurch eine wesentliche Einbuße gehabt, wenn 
es anders in gedeihlicher Entwicklung war, niemals ohne Aus- 
nahme in einem Grade, der für seine Prosperität wirklich in 
Betracht kam. Und auch der Profit des Journals etwa, 
dahinj^sie sich wendeten, war fast niemals so sehr erheblich. 

44 



Derlei hat fast regelmäßig noch mit Reue und mit ver- 
drießlichen Enttäuschungen für beide Teile geendigt. Der 
Kontakt, den Einer an einem Orte leicht und im erwünsch- 
testen Maße mit dem Publikum gewonnen hat, daß es ihm 
willig horchte und folgte, den muß er, selbst bei scheinbar 
verwandten Umständen, an anderer Statt erst mühselig 
suchen, ohne ihn auch immer darum zu finden. Es gibt da 
Launen ganz unverständlicher Art, fließend aus der immer 
noch ganz unergründeten Psychologie der Masse. 

Eine Parallele mit der Bühne ist hier nur in sehr be- 
schränktem Maße möglich. Im allgemeinen lockt der Schau- 
spieler von Rang und Geltung sein Publikum sicherer da- 
hin, wo er gerade wirkt. Im übrigen könnte man meinen, 
es seien auch da Bemühungen zur Änderung des geltenden 
Zustandes, der dem Unternehmer unangenehm sein muß, 
der den Durchbruch gewisser gültiger Gesetze darzu- 
stellen sv.:^ieint. Wir sehen eine mächtige und mit Grund 
gerühmte Bühne fast ausschließlich auf Gesamtwirkung 
gestellt; befähigt, überragende Talente auszuscheiden und 
zu entbehren, ohne in welcher Hinsicht immer dadurch 
eigentlich geschädigt zu werden. Vielleicht bekundet sich 
auch hier eine neue Emanation dieses Gesetzes, und der 
sehr kluge und witternde Otto Brahm handelt aus Ahnungen 
darnach. Allenthalben siegen, trotz allen Gejammers der 
Ästheten, die Massen, rücken an, setzen ihre Forderungen 
durch gegen die Wenigen, die Überlegenen, die Anspruchs- 
vollen. Auch hier scheint nun ihre Zeit gekommen und 
alsdann könnte sie nichts und niemand wenden. Es heißt 
dann, sich fügen und sich klug und schweigend unterwerfen. 

Also: in einem gewissen Stadium der Entwicklung be- 
nötigt die Zeitung der Autoritäten. Es ist ihr höchst nütz- 
45 



lieh, wenn man merkt, es sind wirklich Männer von Ge- 
wicht, Bildung und Urteil, die wieder einmal den Versuch 
wagen, öffentliche Meinung zu erzeugen. 

Über eine Zeit aber geht jede Einzelautorität an die 
Gesamtautorität über, welche das Unternehmen selber und 
an sich immer ausschließender in Anspruch nimmt. Von 
diesem Augenblick an ist das Nachwachsen von Persönlich- 
keiten durchaus nicht mehr erwünscht und, bewußt oder 
unbewußt, es wird denn auch nach Tunlichkeit verhindert. 

Es ist damit die Möglichkeit gegeben, auf Kosten der 
Güte die Summe des Gebotenen zu steigern; dem Geschmack 
der Menge tut sich die Gelegenheit auf, sich zu suchen, was 
ihr behagt. Man kann — nicht nur im Weinhandel ein 
immer lohnendes Tun — nach Belieben verwässern. Tatsäch- 
lich ist die Verschlechterung eines Blattes keineswegs mit 
dem Sinken seines Erfolges identisch; sie kann, nach aller- 
jüngsten Erfahrungen, sogar mit einer Steigerung der Auf- 
lage zusammengehen. Wie weit sich die Grenze aber nach 
unten verrücken läßt, ist noch dunkel. Ins Unbegrenzte 
kaum. Es hat sich auch allzu großes und zu wahlloses 
Liebedienern vor dem letzten Publikum immer noch im ent- 
scheidenden Augenblick als verderblich herausgestellt und 
verhängnisvoll gerächt. 

Die Vorteile aber, welche dieser Gang der Dinge den 
Unternehmern darbietet, sind zu groß und auch für minder 
Hellsichtige zu klar, um nicht sofort begriffen und genutzt 
zu werden von allen, die Rücksichten der Vornehmheit und 
der Tradition nicht beengen. Es muß somit allgemeines 
und erfolgreiches Bestreben sein, ähnliche Rücksichten nicht 
mehr aufkommen und hoch werden zu lassen. Das wird 
gelegentliche Großmut Einzelnen gegenüber, die sich beson- 

46 



ders brauchbar oder auch nur besonders gefügig erwiesen 
haben, niemals ausschließen. Derlei macht einen günstigen 
Eindruck und nützt wohl gar geschäftlich. 

Sonst aber besteht die im Interesse des Geschäftes immer 
willkommene Möglichkeit, in jedem Augenblick zu sparen, 
der das wünschenswert erscheinen läßt, ohne daß sich die 
Folgen davon sofort, vielleicht ohne daß sie sich überhaupt 
merklich machen müssten. Ein schärfstes Disziplinarmittel 
ist somit in Hände gegeben, die in seiner Anwendung nicht 
immer bedenklich sind und Gebrauch davon auch wohl nur 
zu dem Zwecke machen, die eigene Macht zu zeigen und 
die unbedingte Manneszucht aufrecht zu erhalten, die sonst 
unter einer Anzahl geistiger Arbeiter, schon durch Beruf und 
Anlage ehrgeizig und zum Neid geneigt, sich mit Aufbietung 
der letzten Kraft den Übrigen gegenüber bemerkbar zu machen, 
nicht so gar leicht zu behaupten wäre. Das Ergebnis aber: die 
vordem Mitarbeiter genannt wurden, also in mehrfachem Sinn 
als gleichberechtigt erkannt wurden, als mindestens im 
Ideellen beteiligt am Erfolg des Unternehmens, denen man 
ein Selbstgefühl auf das gemeinsame Wort tolerierte, denen 
es anzuerziehen man sich sogar bemühte, wo es nicht von 
Haus aus vorhanden war, die werden fein sachte niederge- 
drückt auf die Stufe anderer Angestellter in anderen Be- 
trieben, denen eine Meinung nur innerhalb des unmittelbaren 
Ressorts zusteht und auch da eben nur so weit, als sie nicht 
mit der Ansicht des Chefs und mit seinem weiteren Über- 
blick über die Gesamtinteressen des Blattes in Widerstreit 
geraten kann. Eine solche unbedingte Entäußerung des 
eigenen Willens, wie sie kaum ein anderer Beruf und gewiß 
keiner, der überwiegend geistige Anlagen fordert, noch in 
so hohem Grade voraussetzt, kann aber gar nicht früh und 
47 



nicht ausdrücklich genug geübt werden. Der Regenten und 
Machthabern seine Ratschläge erteilt, der die Sitten bessert 
und alles Weltregiment, könnt' und dürft' ers nur nach 
seinem eigenen Kopf, sicher vortrefflich bestellen würde, 
der muß sich wiederum über die Grenzen seiner Befugnisse 
klar genug sein, um den Mannesmut, seinen getreuen und 
unzertrennlichen Begleiter bis an die Stufen der stolzesten 
Throne, gelegentlich noch im Vorraum des Chefzimmers oder 
in der Brusttasche des Arbeitsrockes zu vergessen . . . 

Charakter ist ja soweit ganz gut und der einstimmigen 
Meinung aller Gebildeten nach die Zierde eines Mannes. 
Bequem aber ist er nicht immer, so wenig wie ein eisernes 
Mieder. Damit protzen und ihn immer zur Schau tragen 
wird aber kein Mensch von Geschmack. Und allenthalben 
und jederzeit davon Gebrauch machen wollen, hat immer- 
hin sein Bedenkliches, ja Gefährliches. 

Es ist ein Bestreben nicht zu verkennen, den Zeitungs- 
betrieb, der die längste Zeit für ein Organisches, beeinflußt 
von allen Gesetzen der organischen Welt, gelten mußte, 
dem Mechanismus anzunähern. Hatte sich vordem eine 
bessere Kraft vernutzt, so erwuchs die nicht immer leicht 
zu lösende Frage nach ihrem Ersatz. Immer war das eine 
Sorge, ob sich der Nachfolger auch so ganz einfügen und 
bewähren, ob er sein Werk nach Wunsch und ohne Frik- 
tion tun werde, die desto mehr zu vermeiden ist, je näher 
ihre Möglichkeit liegt und je verdrießlichere Hemmungen 
sie bedeutet. 

Alle diese Unbequemlichkeit, diese Nötigung, Umschau 
zu halten, und zwar mit verständigen und mit wohlwollenden 
Augen Umschau zu halten unter dem Nachwuchs, wer sich 
daraus für die Zwecke gerade des eigenen Unternehmens 

48 



heraufentwickelt und wann er reif genug dafür sei, die Auf- 
gabe, ihm hernach Raum zur Betätigung seiner Anlagen 
zu schaffen, ohne ältere Rechte allzusehr zu verletzen, 
die entfällt oder wird doch immer mehr eingeschränkt mit 
der modernen Entwicklung. Ein Rad einer Maschine muß 
eben ausgewechselt werden; die Kosten werden gebucht und 
die Sache ist erledigt. Das Alteisenkonto einerseits und das 
Erneuerungskonto andererseits sind um so und so viel anderen 
Jahren gegenüber gestiegen. Damit muß und kann man als 
ein vernünftiger Unternehmer zu jeder Zeit kalkulieren. 

Das mag Manchem eine erschrecklich mechanische und 
nüchterne Auffassungsweise bedünken. Wir stecken immer 
noch tiefer in mancher Ideologie, vor allem in der Neigung, 
einander Phrasen nachzubeten, als wir vor einander gern ein- 
gestehen, so entschieden das neue Deutsche Reich sich zu 
seinem Heil auf die Pflege seiner materiellen Interessen 
besonnen hat, die endlich allein die Möglichkeiten geben, 
die idealen Güter in der wünschenswerten Weise zu hüten 
und zu alimentieren. Wie groß aber die Macht der Zeitung 
an sich und über ihre Mitarbeiter geworden ist, das beweist 
die eine Tatsache, daß man heute nicht nur von einem 
Unterschiede im Zeitungsstil nach Regionen — vordem be- 
sonders klar und zwingend etwa zwischen Wien und 
Berlin — , daß man von einem bestimmten Stil bestimmter 
Blätter reden kann. Je nach dem Grade seines Talentes 
und seiner Übung gebraucht ihn jeder einzelne besser oder 
weniger gut ; aber er handhabt ihn nun einmal, so daß der 
Wissende bestimmen kann, wo er seine journalistische Lehr- 
zeit durchgemacht hat. 

Man erinnere sich — Beispiele aus der Heimat sind 
nun einmal mißliebig und können mißdeutet werden — 
49 V4 



der Pariser Boulevardpresse, die gern und wahllos auch nach 
dem Ausdruck der Gasse greift, so daß er in die allerge- 
hegteste und die bestumzäunte aller Sprachen Eingang ge- 
wonnen und zum Entsetzen Vieler sogar in der Sprache der 
Literatur sich Raum geschaffen hat. Oder man denke der 
ganz eigentümlichen Betrachtungsweise des Pariser,, Figaro" — 
nicht derer, die bei ihm tätig waren — den Dingen gegen- 
über und der Nachahmung, die sie geraume Zeit weckte, 
auch an Orten, da die Geister für derlei nicht eben sehr ge- 
wandt waren. Oder man nehme den Ton der „gelben 
Presse" sowohl Englands, wie — noch mehr ins Klobige und 
Grobianische gesteigert — der Union einmal gut in acht, diesen 
Ton, der nun leider da und dort auch bei uns sein Echo 
findet, — am nachdrücklichsten und sichersten befremdlich 
genung aus dem Munde hochwürdiger Herren. Im Schimpfen 
und im Verdächtigen des Gegners und seiner An- wie Ab- 
sichten dürften nämlich augenblicklich Zentrumspresse und 
sozialistische Zeitungen einander ebenbürtig sein. Begreif- 
lich genug — sie allein meinen doch das Wahre und das 
Heil zu wissen und, der sich ihm entgegenstemmt, gegen 
den ist jede, auch die giftige Waffe gestattet. 



ER URSPRÜNGLICHE Zusammenhang 
der Zeitung mit der Literatur ist nur noch 
lose, besteht höchstens in dem Sinn, in 
dem man in Zeiten des frühesten Keimens 
ihr alles schriftlich Festgehaltene über- 
haupt zuzuzählen gewohnt ist. Wenn 
sonst nichts, so ist es ein ,, Denkmal". 
Entstanden ist sie ja doch zunächst aus dem fliegenden 
Blatt, das irgend ein Wunderwerk oder -wesen, welcher Be- 

50 




schaff enheit immer, oder irgend ein staunenswürdiges Er- 
eignis der Mitwelt verkündigen sollte und das, seine Ein- 
dringlichkeit zu erhöhen, gerne mit dem beredten und schnell 
fertigen Holzschnitt geschmückt ward. Es haben wirkliche 
Künstler sich so als Illustratoren betätigt. 

Kamen leidenschaftlich bewegte Zeiten, dergleichen noch 
heute dem Gedeihen aller Journalistik sehr einträglich zu 
sein pflegen, welche die Gemüter durcheinander rütteln. 
Fernen aneinander rücken, auch stumpferen Sinnen ihnen 
sonst verborgene Zusammenhänge zwischen allem Menschen- 
schicksal offenbaren, so steigerte sich der Hunger nach 
Neuigkeiten zugleich mit ihrem Zufluß bis zu dem Grade, 
daß eine lückenlose Folge solcher Meldeblätter erwünscht, 
möglich und endlich notwendig wurde. 

Die Flut der Nachrichten schwoll und ist immer noch 
im Steigen, bedeutet längst schon eine Verlegenheit in ihrer 
wachsenden Fülle. Wie dies alles unterbringen, registrieren, 
ohne daß eines das andere unterdrücke, um seine Geltung 
bringe ? Denn, was diesem vollkommen gleichgültig ist, das 
kann seinem Nachbar sehr wichtig, ja die Hauptsache sein, 
die er nicht missen kann, nach der er zunächst und mit 
ausschließendem Anteil sucht. 

Und mindestens der Schein soll und rnuß gewahrt 
werden, als fänden hier alle Interessen die gleiche Statt und 
Berücksichtigung, als wäre jeder Leser gleich wichtig und 
willkommen, wenn er sich dem geistigen Niveau eben gerade 
dieses Unternehmens anzupassen versteht. Man weiß: es 
ist die Kunst der scheinbar zufälligen, immer aber höchst 
achtungsvollen Verneigung vor ihm, vor seinem Geschmack 
und seinem Urteil längst über die plump-naive Form der 
direkten Anrede und Liebkosung hinaus entwickelt. Pu- 

51 4* 



blicus ist ein viel zu großer und ein seiner Macht viel 
zu bewußter Herr geworden, als daß mit unmittelbarer 
Schmeichelei bei ihm noch viel aufzustecken wäre. Eher 
kann sie verstimmen. 

Neben diesen öffentlichen und unbekannten Zwecken, Gunst 
der Menge mindestens innerhalb einer bestimmten Gesellschaf ts- 
schicht zu gewinnen und dadurch Einfluß auf sie, ihre Ent- 
schlüsse und ihre Handlungen zu üben, gehen aber nur zu 
oft die Sonderabsichten und die eigenen Interessen des Unter- 
nehmens, die nicht minder sorgfältig im Auge gehalten und 
den Blicken Unbefugter wiederum sorgfältig verhüllt werden 
müssen. Noch ist mir mindestens kein Versuch bekannt, 
wo man derlei, auch wo man mit Fingern hätte darauf 
deuten können, offen eingestanden hätte. Derlei macht 
nur zu leicht einen zynischen Eindruck. Nun ist ja der 
Zynismus unter Umständen ein ganz kostbarer und ein höchst 
wirksamer Behelf. Aber — er ist gefährlich; er macht 
nämlich stutzig, und was nach dem psychologischen Momente 
des Stutzens geschehen wird, weiß niemand vorher. 

So muß denn die Zeitung immer ein Kompromiß dar- 
stellen; ein Kompromiß, das sich hinter Schleiern und Hüllen 
vollzieht. Das wittert manch einer und schilt sie darum 
gesinnungslos, die nach ihrem ganzen Wesen nur mit der 
höchsten Gefahr für sich selber, ja für ihren Bestand eine 
Gesinnung haben kann. Den Luxus einer wirklichen Über- 
zeugung dürfen sich nur sehr reiche und in ihrer Kaste 
vollkommen fundierte Unternehmungen gestatten. Sonst 
heißt es lavieren, den Wind spüren, wie er aufspringt und 
wohin er sich wenden will ; den Mitfahrenden ihn mit künst- 
lichen Manövern aus den Segeln nehmen, und zwar so, daß 
das Ganze anmutig und notwendig erscheint, bis man den 

52 



ersehnten Strand erreicht hat, da man geborgen ist und 
nach Wünschen reichlich ernten und einheimsen kann. Das 
wird niemand mißbilligen, der die Verhältnisse kennt. Anderen 
aber steht nicht hier, nicht anderwärts ein Urteil zu, so 
eifrig sies überall in Anspruch nehmen. 

Das Publikum gleicht nur gar zu gern einem störrigen 
Kind, dem man es auch nicht leicht merken lassen darf, 
wohin man es aus Gründen des allgemeinen, nicht gar selten 
freilich auch des Sondervorteiles gelenkt haben möchte. Es 
wirken einmal schon Argumente und künstlerische Behelfe ; 
oder man muß wohl auch seine eigentlichen Zwecke ver- 
hehlen, tun, als bekämpfte man sie, um so die Begehrlich- 
keit der Menge nach dem scheinbar Verbotenen zu lenken. 
Wieder die Fälle sind immer selten, in denen ein Einzelner 
alles über sie vermag, sie hinter ihm und seiner Lockpfeife 
einherlaufen, nicht anders, wie in der bekannten Sage die 
Jugend dem Rattenfänger folgt. Die Macht eines Schlag- 
wortes im gegebenen Augenblick ist unbegreiflich, uner- 
gründlich. Es kann die Geister in einen Brand setzen, der 
auf lang hin nachhält und nicht bald zu stillen ist. Es 
wird mit einer Inbrunst gehegt und nachgebetet, als war* in 
ihm wirklich alles Heil und sämtliche Heilkraft beschlossen. 
Auch in ökonomischen Dingen erlebt man das. Da erkennt 
man die Macht des Glaubens an die Universalmedizin, fühlt 
sich dessen gemahnt, wie großer Dinge sich die Volksheil- 
kunde einmal vom „Besprechen" und von ähnlichen Künsten 
versah. 

Es beginnt die Beeinflussung denn auch schon augen- 
blicklich, sowie sich aus dem Flugblatt mit einer nackten 
Tatsache das Meldeblatt mit einigen Begebenheiten ent- 
wickelt, wenn diese nur nicht rein zufällig, sagen wir 
.53 



nach der Zeit des Eintreffens, die ja auch für ihre Stellung 
und Beachtung wichtig ist, geordnet werden. 

Es ist ganz in der Hand des Sichtenden und Einreihen- 
den, des Redakteurs, auf was er die Aufmerksamkeit der 
Leserschaft lenken will. Schon die Anordnung gibt ihm — 
wenn nicht eine einzelne Frage die Gemüter ganz und un- 
bedingt beherrscht, so daß mit Entschiedenheit zurückgestoßen 
würde, was man für sie unterzuschieben versuchte — eine 
große Macht. 

Typographische Behelfe kommen dazu und werden immer 
bewußter genutzt. Es ist nicht jedermanns Sache, im augen- 
mordenden Petit nach Geheimnissen zu schürfen, so wissens- 
wert sie seien. Ein glücklich gewählter Typenkegel hat schon 
manchesmal den Erfolg eines Blattes mit entschieden. Im 
allgemeinen: die unruhigen Blätter sind nicht leicht beliebt. 
Man wünscht sie übersichtlich, aber nicht verwirrend; möchte 
geleitet und nicht genötigt sein. 

Erst hernach, wenn die Dinge aus dem Gröbsten ge- 
hoben und einigermaßen in Richte gebracht sind, setzen die 
Künste der Zubereitung ein. Die erste Vorstellung von 
suggestiver Macht, nach der nun einmal Gewichtigkeit an 
sich und Breite der Erörterung in einem geraden Verhältnis 
stehen müssen, ist geweckt worden und hat mehr oder minder 
ihre Wirkung getan. Nun erst spielen die Künste der Er- 
örterung, denen kaum eine Grenze gezogen ist, insolange 
sie nicht zu aufdringlich, zu abgeschmackt gehandhabt 
werden. Der Zaubersang der Schicksalsschwestern aus Mac- 
beth aber, ihr „schön ist häßlich, häßlich schön!" wird nur 
zu gern und zu eindringlich angehoben. 

Jene Zweige der Literatur nun, deren die Zeitung immer 
und unmittelbar für ihre eigentlichen Zwecke bedarf, hat 

54 



sie aus sich und in ganz vermerkenswerter Weise zu ent- 
wickeln verstanden. 

Mit einem Schlag- und Merkwort, wie man es wohl 
versucht, ist da nichts getan noch erreicht. Es ist leicht 
und oft niedergeschrieben: eine gewisse Vergröberung sei 
zum Beispiel das Wesen des Zeitungsstiles. Und es ist doch 
nur mit vielen Einschränkungen und in sehr bedingtem 
Sinn richtig. 

Wenn heute nur zu oft eine förmliche Hetzjagd erreg- 
ter Sätze, hitziger und lärmender Worte, die eifrig und ohne 
rechte Begründung wider- und durch einander schreien, zu 
einem an sich recht gleichgültigen Ziel losgelassen erscheint, 
wenn man sich übertäubt fühlt, nicht überzeugt noch mit- 
gerissen, so ist das durchaus nicht im Wesen des Zeitungs- 
deutsch begründet, das ja sonst Tadel genug verdient. 

Das ist eben eine Mode und man weiß, woher sie ihren 
Ursprung nahm, und daß sie über eine Zeit abdorren und 
welken wird, Jonae Kürbis gleich, da der Herr den famosen 
Wurm gesandt, ihn zu stechen. Dieses merkwürdige Ranken- 
gewächs deutet überhaupt symbolisch allerhand vor, daran 
sicherlich nicht der sehr erregbare Prophet gedacht, nicht 
einer auch der ungezählten Einwohner von Ninive, an denen 
er sich so sehr geärgert hat. 

Also: die Polemik in der Zeitung, die mit zu ihrem 
eigensten Wesen gehört, die knüpft jeder dort an, wo er es 
nach Neigung und Vorbildung eben kann. Da haben die 
Franzosen vorbildlich gewirkt; mit Heines Mitteln wird nicht 
mehr viel gearbeitet. Heines Künste ins Persönliche zu 
wenden, ist schwer. Ihre Nachahmung aber merkt nun 
schon jeder. Öfter, als mans vermeinte, verspürt man 
noch eine Nachwirkung der großen nnd zornigen Junius- 
55 



briefe, so rar heute schon sein mögen, die sie wirklich noch 
studierten. 

Was alles zusammengewirkt hat, um den Leitartikel im 
modernen Sinn zu formen, das ist so leicht nicht zusammen- 
gezählt. Übrigens könnte man heute kaum mehr bestimmen, 
was darunter alles begriffen wird. Der Ort, an dem er steht, 
bestimmt ihn fast allein. Was immer besonders wichtig 
erscheint, wird da mit Würde und womöglich mit Wucht ab- 
gehandelt. Man spürt gerne Schillersches Pathos; aber 
auch die visionäre Sprache des alten Bundes und seiner Seher 
wird wohl einmal dunkel und emphatisch angestimmt und 
gelegentlich hört man wohl gar die Reiter der Apokalypse 
hart durch die Spalten der Zeitung bis in den volkswirt- 
schaftlichen Teil traben, da sie sich freilich mancher Dinge 
verwundern mögen, welche ihnen da aufstoßen . . . 

Daß der Zeitungsroman — bei mancher Ähnlichkeit 
grundverschieden vom Familienblattroman — ziemlich ein 
Genre für sich ist, kann nicht leicht bestritten werden, 
wenn man ihn, wie notwendig, nur vom Roman in der 
Zeitung unterscheidet, der beschaffen sein und aussehen 
kann, ganz wie es die Mittel und der Geschmack der leiten- 
den Persönlichkeiten oder ihre Vermutung von den Wünschen 
ihrer Getreuen gestatten. 

Er braucht zunächst die gröberen Effekte. Es muß, wenn 
nur irgend möglich, jede einzelne seiner Fortsetzungen ihre 
Spannung in sich haben und Neugierde wecken. Er muß 
nebenher Bezüge ahnen lassen, Bezüge von der Art, die 
erraten zu haben schmeichelt, die also soweit versteckt und 
so weit angedeutet sein müssen, daß es dem eigenen Scharf- 
sinn ohne allzu große Schwierigkeiten glückt, sie auszu- 
wittern. Wir fühlen uns gern wissend und mit verborgenen 

56 



Kenntnissen begnadet: sehr gerne mündig und überlegen, 
desto lieber, je unmündiger wir im Grunde sind. 

Man verachtet das Genre gern. Und es hat ja nicht 
eben viel hervorgebracht, das über den Tag hinaus dauert 
und beachtet sein kann. Nun ist aber im allgemeinen doch 
überhaupt die Zahl des auch nur begrenzt Währenden 
verschwindend gegenüber dem, was geboren wird, seine Flügel- 
chen schlägt und weggeweht wird vom Sturmhauch, der 
unablässig aus dem Zukünftigen in die Gegenwart haucht. 
Ein Hochmut aber, der nur für Stunden im höheren Sinn 
gültig ist, der hat immer etwas Komisches und bei denen, 
welche die Erfindungskraft schmähen und gering zu schätzen 
behaupten, muß man immer an den Bezug denken, welchen 
schon Grillparzer zwischen den Melodienverächtern und 
zwischen dem Fuchs, „dem enthaltsamen Vieh", so glücklich 
herausgefunden hat. 

Einzelnes nun, das sicherlich für die Zeitung und ihre 
Bedürfnisse hergestellt worden ist, hat denn doch seinen 
Platz in der Literatur gefunden und behauptet ihn da und 
in der Gunst der Leser mit einer Zähigkeit, die so mancher 
Arbeit zu wünschen wäre, die unter ehrlichem Bemühen, 
beständigem Befragen der Kunstformen, rastlosem Schielen 
nach der Ewigkeit verfertigt worden ist. Es kommt eben 
auch da nur auf den Grad und die Hältigkeit des Talentes 
an, welches seinen Ausdruck sucht. Eine wirkliche Begabung 
kann nicht rosten, und mehr oder minder wird sie sich allent- 
halben bewähren und behaupten und durchsetzen. Eigen- 
schaften des Zeitungsromanes an sich aber sind in gewissen 
Büchern auch nicht zu verkennen, welche auch der Kritt- 
lichste wohl gelten lassen muß. Zu nennen ist da in erster 
Reihe „Raskolnikow" in all seiner unglaublichen Großartig- 
57 



keit; und, ein vielgerühmtes Buch der aller jüngsten Zeit 
zu erwähnen: in Oscar Wildes ,,Dorian Gray" sind ganz 
besonders dem Ende zu gewisse Partien sicherlich nur ge- 
schrieben, um dem Bedürfnis nach Sensation zu genügen, 
ohne die dem Engländer nun einmal kein Roman denkbar 
erscheint. Auf sie verzichten, heißt den sonst sicheren 
Erfolg aus Händen geben. Abermals eine psychologisch 
nachdenkliche Tatsache: das Volk der Rechner und Kauf- 
leute, das in der Kunst durchaus nicht aufs Mirakel ver- 
zichten mag. . . 

Dieses Bedürfnis nach Sensation aber ist wiederum iden- 
tisch mit der Sehnsucht nach der romantischen Heimat, die 
nun einmal unausrottbar in der menschlichen Seele schläft 
und sich immer wieder und oftmals in der wunderlichsten 
Weise Ausdruck sucht. Dem die Zeitung alles ist, und 
deren sind viel mehr, als wir Bildungsmenschen mit unse- 
rem vielseitigen Geschmack glauben, der wünscht von ihr 
Befriedigung auch dieses tiefsten Bedürfnisses seiner Brust. 
Die Zeitung dient nun einmal mit allen ihren Mitteln und 
Behelfen zunächst und mit einer ausschließenden Hingebung 
dem Alltag. Die Sensation stellt scheinbar oder wirklich 
den Durchbruch der sonst für ihn gültigen Gesetze, den 
Einbruch des Wunderbaren und Gesteigerten in ihn dar, 
ist also psychologisch ein Bedürfnis, ist eine Romantik. Die 
ist vielen erwünscht und zugänglich, denen die gleichfalls 
mächtige Poesie des Alltags für immer verschlossen bleiben 
wird und muß, weil sie geschärftere Sinne und einen klareren 
Blick in das wirkliche Leben und seine Bedingnisse voraus- 
setzt. Das Laute versagt nun einmal seinen Effekt und 
seinen Eindruck nicht so leicht. Wer das begriffen hat, 
der wird alles Schelten über müßige Sensationsgier nur be- 

58 



lächeln. Auch Zeitungen, die lang genug den Schein einer 
unnahbaren Vornehmheit zu wahren verstanden, können 
sich endlich ihr, das heißt ihrer eigensten Existenzbedingung 
nicht ganz, nicht ohne Kompromiß entziehen. Von denen 
zu geschweigen, die angeblich zu ihrer Bekämpfung be- 
gründet wurden, um bald zu begreifen, wie unsinnig da alle 
guten Vorsätze seien, und ihr fortab bei jeder gebotenen 
Gelegenheit mit dem innigen Eifer der Reuigen und Be- 
kehrten zu dienen. 

Groß und eigenartig ist ganz besonders das Bedürfnis 
der Zeitung just nach etwas, das man ganz und gar nicht 
für sie notwendig glauben möchte: nach Lyrik. Man denkt 
gar nicht, wo alles nicht nur mit Stimmungs-, wo mit rein 
lyrischen Behelfen gearbeitet wird. 

Zunächst erinnere man sich der Einleitungen zu gewissen 
großen Fällen, zu Prozessen, deren Ergründung nicht so gar 
leicht und einfach erscheint, wo verwickelte Fragen des Seelen- 
lebens in Betracht kommen. Die Tatsachen haben Reporter 
herbeigetragen, und man merkt es nicht eben beifällig, wenn 
sie sich einen Rand nehmen, um in Schwung zu kommen 
und die so wünschenswerte Erschütterung auszudrücken und 
zu erzeugen. Dafür ist gern die Einleitung und die Ana- 
lyse selber von einer solchen Eindringlichkeit, Ehrlichkeit, 
so verständig und liebevoll, daß man seine Freude und 
seinen Nutzen und die Empfindung davor haben muß: hier 
war ein Mensch voll Verständnis für alle Kreatur, hier war 
ein v/irklich dichterischer Mensch, psychologisch geschult 
durch langgeübten Einblick in verworrene und traurige Ver- 
hältnisse, wie sie der Gerichtssaal ewig wandelnd und dennoch 
mit der Eintönigkeit immer gleicher und immer wirkender 
Notwendigkeiten zeigt, unabgestumpft durch sie, am Werke. 
59 



Die Kunstform aber, welche der Zeitung am meisten 
eignet, deren sie zumeist bedarf, die sie wesentlich aus sich 
entwickelt und bis zu einer ganz eigentümlichen und selb- 
ständigen Blüte gebracht hat, ist doch wohl das Feuilleton. 

Was darunter verstanden wird, läßt sich wiederum in 
keiner Weise definieren. Was aber ein Feuilleton ist, darüber 
ist abermals kaum ein Streit möglich. Nicht nur der Mann 
vom Handwerk, der es auf seine Eignung für einen bestimmten 
Zweck prüfen können muß, auch der verständige, unver- 
bildete Leser ist sich augenblicklich klar darüber: dieses ist 
ein Feuilleton, gehört unter den Strich der Zeitung und ge- 
fällt mir an diesem Orte; dieses nicht und es ärgert mich da. 

Ein negatives Kriterium möchte man freilich vermerken 
können: es darf belehren, aus der Fülle eines großen und 
eigenen Wissens heraus entstanden sein, — aber es darf 
nicht ein einzigmal lehrhaft erscheinen. Die Persönlichkeit, 
der es entsprungen ist, die darf durchschimmern, — durch- 
brechen aber darf sie abermals nicht. Und endlich ! es muß 
über dem Ganzen eine gewisse Leichtigkeit, wenn irgend 
möglich bis zur Anmut gesteigert, verbreitet sein. Wer ein- 
mal über deutsche Art und Sinnesrichtung nachgedacht hat, 
der weiß, wie selten gerade hier jene Veranlagung ist, wie 
höchst wünschenswert, ja notwendig aber ihre Entwicklung 
gerade hier gewesen ist, so plump und ärgerlich sich manch- 
mal Einer gebärde, der den Meistern dieses Faches nach- 
tanzen will. 

Vorbildlich ist hier zunächst Frankreich gewesen. Die 
früheste und die beste Nachfolge haben die französischen 
Muster — man erinnere sich doch: das wohl größte und 
sicherlich reichste Talent der ganzen, nun etwa abgeschlosse- 
nen französischen Literaturperiode, deren Beginn noch ins 

60 



zweite Kaiserreich zu setzen, ist der Feuilletonnovellist 
Guy de Maupassant, der auch in seinen umfänglicheren 
Arbeiten seine Herkunft aus diesem Genre nicht verleugnen, 
noch unterdrücken will — aber in Süddeutschland und ganz 
besonders in Wien gefunden. Das ist wohl eine Tatsache, 
die man ohne Spur von Überhebung, vielleicht sogar von 
Freude konstatieren darf. Denn einmal kostet uns der 
Reichtum auf diesem Gebiet anderwärts just genug; dann 
ist es nur natürlich, daß sich das Kunstgewerbe in Ländern 
alter Kultur früher und eigentümlicher denn anderwärts 
entwickelt. Die Kunst und das Verständnis für sie, vielleicht 
nicht mehr kräftig genug, Eigenes zu treiben und zur rich- 
tigen Blüte zu bringen, vielleicht nur noch notdürftig aus 
der Tradition ernährt, hat nun doch einmal gewisse Formen 
voll Reiz geschaffen, der auch dann besteht und nicht zer- 
stört werden kann, wenn diese Formen, durch eine Zeit 
mindestens, rein mechanisch nachgeahmt werden. 

Mit einem Vergnügen, das nur durch den Gedanken an 
ihre Kurzlebigkeit gestört wird, findet man fast Tag für 
Tag so allerliebste Kunstwerkchen in Betrachtungen, Plau- 
dereien, Erzählungen in unseren Blättern. 

Es gehört für dieses Geschäft eine große und frühe 
Sicherheit; ein fast unfehlbarer Geschmack. Er darf ja 
wohl bizarr sein: fürs Groteske aber ist in der Regel der Raum 
zu beschränkt und der Sinn unserer Leser nicht frei und 
entwickelt genug. 

Man muß wissen, nach welcher Art Kost sie augen- 
blicklich und überhaupt leckern. Die muß ihnen mit der 
jeweils erwünschten, auch mit der schärfsten Würze geboten 
werden. Und wiederum muß man erkennen, wie bald und 
wie dann für immer die Künste der Hexenküche versagen, 
6i 



während gewisse, ganz einfache Gerichte immer mit dem 
annähernd gleichen Behagen aufgenommen und konsumiert 
werden. 

Es ist wirklich betrüblich, daß eine Sammlung eigent- 
licher Feuilletons meines Wissens im Grunde noch niemals 
geglückt ist, sich noch niemals, buchhändlerisch gedacht, be- 
hauptet hat. Es ist vielleicht ähnlich, wie mit einem 
Bändchen Lyrik, das ja auch in der Regel trotz Feingehalt 
und Innigkeit nicht einschlägt und denen eine Enttäuschung 
bedeutet, die es angeht. Die aber in ihrem Kern nichts sind, 
nur Feuilletonisten oder nur Lyriker, sie zu unterstützen ist 
albern, zur Überspannung ihrer Kräfte zu zwingen aber 
verbrecherisch. Man merkt ihren größeren Arbeiten dann 
doch immer an, daß sie in Mühen empfangen sind und, wo 
sie abschnappen möchten, nur noch mühsam weiter gezerrt 
werden. Es ist aber immer und trotz aller Fülle des Nach- 
wuchses, just auf diesem Gebiete, sehr fraglich, ob wir reich 
genug sind, den Verlust an unserem Geistesleben zu ertragen, 
der uns so immer wieder und täglich zugefügt wird. 



IN FEUILLETON nun — man muß sich 
bei der Betrachtung dieser Gattung noch ein 
wenig verweilen — muß enthalten einen 
Einfall, gleichviel woher er genommen 
ist und ob er neu ist oder vielleicht 
noch vorteilhafter nur erscheint, und 
muß auf eine ganz bestimmte Pointe 
hingearbeitet sein. 

So setzt es denn von denen, die sich ihm widmen 
wollen, eine an sich vorausbestimmte und durch Übung noch 
verstärkte Geistesrichtung voraus. In gewissem Sinn müssen 

62 




witzige Neigungen vorhanden sein, ja überwiegen. Feuer- 
werkskünste gelten hier mehr, als umfängliche und klug 
geführte Beleuchtungsanlagen. 

Dazu ist ein Schein von Kürze unbedingtes Erfordernis. 
Verweilt sich der Feuilletonist da und dort nach seinem Er- 
messen und Behagen, — das Ende muß immer wie eine 
Überraschung kommen und wirken, und das Ineinander- 
spinnen der vielen und wie wirklich durcheinander gezettelten 
Gedankenfäden muß als ein freundliches und dennoch not- 
wendiges Spiel wirken. 

Immer aber muß der Schreibende den Eindruck wecken, 
als stünde er über der Materie oder über der Persönlichkeit, 
mit der er sich eben beschäftigt; er muß die Position von 
oben wählen, auch wo sie ihm wahrhaftig in keinem Sinn 
gebührt oder zusteht. Nun liegt in jeder Art von Kritik 
eine Verführung zur Überhebung; man nimmt sich die 
stärksten und schiebt dem Gegner die nichtigsten Argumente 
zu. Wie sehr nun diese allgemein menschliche Anlage durch 
fortgesetzte Tätigkeit in solchem Geist verstärkt werden kann, 
ist evident. 

Weiter: die erste und die wichtigste Bedingung einer 
wahrhaft künstlerischen Tätigkeit ist jene Bescheidenheit des 
ephesischen Goldschmiedes, der sich ganz an den Zierat 
verliert, den er eben feilt; die, mindestens in der Arbeit selbst, 
keine Frage nach ihrem Ziel, nach ihrem Zweck, nach ihrem 
Lohn kennt; keine Ungeduld, kein Hasten. Das nun ist 
gar nicht Sache des Feuilletonisten, der doch zunächst sich 
selbst, seinen Geist und seinen Witz vorzuführen beabsichtigt, 
der ungefähr befähigt sein muß, die Wirkung jedes Effektes 
vorzuschmecken, den er anbringt. Das also bedeutet: in 
der Regel — die höchst schätzbaren Ausnahmen kenn* und 
63 



acht' ich wohl! — wird eine bis zum Künstlerischen heraus- 
gebildete Form in durchaus unkünstlerischem Geist geübt. 
Das Unheilvolle und Verderbliche dieses Widerspruches 
leuchtet desto mehr ein, als man ihn im allgemeinen kaum 
empfindet. 

Schließlich: es ist immer wie konzentrierte Literatur, 
so ein Feuilleton. Erzählt es, so wird es, ausgenommen in 
der Hand eines Meisters, der in sich alles Maß hat und aus 
sich alle Ökonomie zu üben versteht, der seinen Rahmen 
ganz genau nach dem Bild aussteckt, das er einmal um- 
schließen soll, da und dort hasten, wird notwendige Glieder 
der Entwicklung nur andeuten, wo nicht gar überhüpfen. 
Sprünge und Gewalttätigkeiten, an denen man sich sonst sehr 
stoßen würde, werden kaum vermerkt, wenn das Ganze 
nur möglich ist und seine spannende Wirkung tut. Wer 
wird mit einem Geschöpf der Vergänglichkeit gar so streng 
ins Gericht gehen? So aber kommt ein falscher Zug in das 
Verhältnis zur Literatur selbst. Man ist nun einmal diese 
Sorte von Kost gewohnt und verträgt kaum was anderes 
mehr. Überall sucht und heischt man jene Eigenschaften, 
die man hier lieb gewonnen hat. So kommt ein Element 
der Unruhe in allen Genuß. Man meidet Bücher, die man 
nicht jeden Augenblick zuklappen und bis dahin vergessen 
kann, wo man wieder in der Laune ist, nach ihnen zu 
greifen. Man liebt die Atemlosigkeit, — die Widersacherin 
eines schönen, geregelten und ruhigen Vortrages, der an sich 
allein ein so gut Teil aller Kunst von ihrem ersten Anbeginn 
gewesen ist. 

Man sieht gern in der Zeilenschinderei eine Gefahr. 
Zu übersehen ist auch sie nicht, nachdem es so furchtbar 
schwierig, so fast unmöglich erscheint, einen wirklich ge- 

64 



rechten Modus der Entlohnung journalistischer Arbeit zu 
finden, die nicht aus festem Lohnverhältnis vollbracht wird, 
nachdem es anderseits nützlich, ja notwendig ist, im Jour- 
nalisten den eigenen Antrieb, den Wunsch sich zu betätigen 
und bemerklich zu machen, nicht zu unterdrücken. Der noch 
so oft recht Gleichgültiges, das man ebenso gern und lieber 
vermißt hätte, gebracht und, so weit man es ihm gestattet 
und vergönnt hat, auch abgelagert hat, der kann, ja wird 
es wahrscheinlich einmal in einer Weise treffen, die für alle 
vorhergegangenen Versuche reichlich lohnt. Es ist ein aller- 
erstes Gebot der Klugheit gerade hier, nicht leicht einen 
endgültig abzustoßen, ehe sich nicht seine allseitige und un- 
bedingte Talentlosigkeit über jeden Zweifel hinaus evident 
erwiesen hat. Nun gewöhnt sichs der Kundige so freilich an, 
manches zu überfliegen und mit nur sehr gleichgültigem Auge 
zu mustern; weiß genau, was richtig und des Vermerkens 
wert ist und was man sich schenken darf. Man achte ein- 
mal auf das Pensum, das ein geschulter Zeitungsleser etwa 
in einer Stunde vor sich bringt, ohne daß ihm darum etwas 
Wesentliches entginge, und man wird staunen, was Überblick 
und Übung vereint vermögen. Freilich — eine Andacht 
kann keinem einzigen Beitrag gegenüber geübt werden, sei 
er noch so vermerkenswert und überrage noch so sehr das 
Mittelmaß. Dieses Gefühl der frommen Versenkung, mit das 
kostbarste der menschlichen Seele, wird vom modernen Leben 
kaum toleriert und hat einen schlimmsten Feind an der 
Zeitung in allen ihren Emanationen. 

Es ist übrigens interessant, wie rasch journalistische 
Moden wechseln und vergehen. Ein ganz besonders klarer 
Fall: das Feuilleton, wie man es einmal überwiegend begriff, 
übte, kategorisch forderte, daß es beinahe schien, ein Blatt 
65 V5 



ohne das sei undenkbar, das Feuilleton, das sich in den 
verwogensten Gedankensprüngen tummelte und behagte, 
Brücken schlug zwischen scheinbar ganz Unvereinbarem, 
das ist so gut wie ausgestorben. Man bekam seine Sorte 
Geistreichigkeit, seine gezierte Grazie, die im Deutschen nun ein- 
mal immer nach dem Tanzmeister schmecken wird, gründ- 
lich und wohl für immer satt. Der heute noch seine Er- 
güsse an die schöne Leserin richten würde, dieselbe holde 
Dame, die einmal jedem im Schreiben über die Schulter sah, 
der würde mitleidig belächelt oder bestaunt, als sei einem 
Museum ein gut ausgestopftes Präparat entsprungen und 
begehre durchaus, sich lebendig zu benehmen und zu betäti- 
gen. Man denke des Aufsehens, das Bogumil Goltz, wirk- 
lich ein reicher Geist und überquellend aus eigener und 
eingeborener Fülle, die sich an der Betrachtung gar nicht 
ersättigen konnte, einmal gemacht und vergleiche die voll- 
kommene Vergessenheit, in die derselbe Mann sobald getan 
ist, an dessen Lippen einmal ganz Deutschland verzückt 
gehangen hatte. Ob die Versuche, ihn mindestens in 
einer Auswahl wieder zu erneuern, auch nur den mindesten 
Erfolg hatten, ist mir nicht bekannt geworden. Wiederum — 
es hatten Persönlichkeiten von ganz eigenem Gepräge nach 
der Feuilletonform gegriffen, die ihnen bequem erschien, 
alles das auszusprechen, was sie von ihrem ganz persön- 
lichen Standpunkt aus zu den Begebenheiten des Tages zu ver- 
merken hatten. Die übten dann manchmal mächtigen Ein- 
fluß, dessen Grund man in Äußerlichkeiten suchte. So fanden 
sie mehr oder minder gewandte Nachahmung, niemals Nach- 
folge. Man erinnere sich der überragenden Rolle, die ein- 
mal Daniel Spitzer, der Wiener Spaziergänger, von dem man 
Einzelnes, ja, ganz besonders aus seiner Frühzeit, da ihm der 

66 



Stoff noch reichlich quoll, vieles immer noch mit Genuß 
und mit Nutzen lesen kann, im Geistesleben Wiens gespielt, 
um nun fast bis auf die Spur weggeweht zu sein. Seine 
gesammelten Feuilletons haben zahlreiche Auflagen erlebt. 
Man buche das nicht einmal als Ausnahme! Es war 
nämlich die Freude am Tratsch, die seine Bücher kaufen 
ließ, — es wird der größte Teil von ihnen in Wien ge- 
blieben sein, wo man wußte, wem seine Angriffe galten, 
und die Objekte kannte. Was versuchte sich nicht da- 
mals alles im Bummeltempo, darin er dahinschlendert ! 
Nun sind wohl alle Bemühungen eingestellt; vielleicht ver- 
sucht an einem Provinzblättchen sich immer noch irgend 
ein Vizespitzerchen in Bemühungen, gelassenen Spießern ein 
Schmunzeln abzuquälen, die einmal über jeden Schwank 
seines Vorbildes so herzhaft gelacht, ohne zu merken, wie 
schlimme Stacheln in des Spaziergängers Geißel eingeflochten 
waren, wie tüchtig und voll Kraft der Arm, der sie schwang, 
wie weit über die Gemarkung der Stadt sie reichte und 
traf. Da hat man in der breiten Öffentlichkeit wieder ein- 
mal einen für einen guten Spaßmacher gehalten, der was 
ganz Anderes und viel Höheres war. 



GROSSE Verdienste die Zeitung um die 
Verbreitung von Kenntnissen hat, und 
man darf ihre Leistungen getrost hoch 
einschätzen, so sehr hat sie andererseits, 
wie wir gesehen haben, zum Verderb des 
Geschmackes beigetragen. 
Sie hat Vielen erst die Möglichkeit ge- 
boten, sich überhaupt die für ein Urteil notwendige Reife zu 
erwerben: die Meisten darunter hat sie freilich leider zur 
67 s* 




Absprecherei und zum Dunkeln gebracht. Sie ist das un- 
umgänglichste Korrelat jeder allgemeinen Volksbildung. Das 
muß gesagt sein, so klar man ihre Mängel und die Gefahren 
erkenne, welche in ihr sind. Und, je beengter sie arbeitet, desto 
einseitiger entwickelt sie ihr Schädliches, ja Verderbliches. 

Sie hat manche Zweige des Schrifttumes unterjocht und 
dadurch für eine höhere Entwicklung beinahe zum Verdorren 
gebracht. Sie hat blühende, literarische Unternehmungen 
schwer geschädigt. Man denke der Revuen, die in Deutsch- 
land kaum jene Rolle gewinnen können, die ihnen in Frank- 
reich und in England zugefallen ist. Sie haben denn doch 
künstlerisch mehr Rücksichten zu nehmen, gehaben sich 
vielleicht beengter, als sie in Wirklichkeit wären, und ließen 
sich so auch da die Führung abgewinnen, wo sie unter 
gar keinen Umständen darauf verzichten hätten dürfen. 

Es kommt dazu; so innerlich gleichgültig die Zeitung 
in ihrer heutigen Entwicklungsform der Literatur gegenüber 
steht, so sehr gefällt sie sich darin, mit großen Namen zu 
prunken und aufzuziehen. 

Nun ist der Etat eines großen Blattes so kolossal, daß 
die Honorare, auch für unsere deutschen Begriffe noch so 
hoch gegriffen, aus besonderen Anlässen neben dem Erforder- 
nis des Gesamtjahres einfach verschwinden. 

Dadurch sind alle die in Nachteil gesetzt, die genauer 
und für die ganze Zeit rechnen müssen. Man kennt doch 
in Kreisen, denen nachgefragt wird, die Bräuche und rechnet 
mit ihnen und den Festen als den Zeiten gesteigerter Nach- 
frage, behält gern in seinem Pult etwas, das man für ge- 
eignet und für marktgängig betrachtet, für sie zurück — 
gewiß, bei solchen Gelegenheiten auch Minderwertiges zu 
ganz leidlichen Preisen an Mann zu bringen. 

68 



Um das Schwinden der Macht der Familienblätter, die 
sich nur noch gültig behaupten, wo sie eine konfessionelle 
Färbung haben, braucht man nicht allzusehr zu jammern. 
Sie haben ja wohl in manchem Betracht die Geister befreit, 
aber nur, um sie in anderer, nicht minder wichtiger Hin- 
sicht, desto enger zu umklammern und zu binden. Sie 
haben das Weltbild bis ins Unerträgliche verzierlicht und 
versüßelt, haben vielfach ganz falsche und unhaltbare Ideale 
mit all ihrer nachhinkenden Enttäuschung aufgestellt, 
zwangen die, welche sich ihnen hingaben, die Dinge aus 
einem ganz falschen Gesichtswinkel zu nehmen und darzu- 
stellen. Das trifft die Frau nun immer leichter als der 
Mann, weil ihr in der Regel viele und wichtige Formen des 
wirklichen Lebens verschlossen bleiben. So haben sie nicht 
zuletzt den Feminismus in der Literatur, der bei einzelnen 
höchst sympathischen Erscheinungen doch nicht gar viel 
Bedeutendes hervorgebracht hat und manche Geschmacks- 
verderbnis züchtete, großwachsen lassen. Auch im Schau- 
fenster der deutschen Literatur, wo man sie nicht gerne 
sieht, begegnet man einer ganz erklecklichen Menge weib- 
licher Handarbeiten, nach bewährten Mustern recht ge- 
schmackvoll auf irgend eine haltbare Unterlage hingestichelt. 
Ist schon sonst nichts an ihnen zu bewundern, so rühmt 
man mindestens die Geduld und den Fleiß, die sich in der 
Ausführung betätigt hätten, — Tugenden, an denen das andere 
Geschlecht dem Mann freilich immer überlegen war und 
bleiben wird. 

Die Methode nun, für besondere Gelegenheiten Schau- 
stücke und Prunkschüsseln von auswärts ohne Rücksicht 
und ohne Frage nach den Kosten zu beziehen, wird sich 
ohne allen Zweifel in Zukunft noch mehr entwickeln. 
69 



Sie erleichtert gerade für Zeiten die Arbeit, da sie sich 
zu sehr drängt, um ohne Fazilitäten noch mit der wünschens- 
werten Genauigkeit, eine noch so hoch gegriffene Vorbe- 
reitungszeit zugestanden und angenommen, verrichtet werden 
zu können. 

Sie schiebt einen Teil der Verantwortlichkeit vom Redak- 
teur, der sein Werk vollendet hat, wenn er nur genügend 
gültige Namen um sich zu sammeln verstand, den Autoren 
selber zu, die endlich wissen müßten, was sie noch ver- 
treten, noch unter ihrem Namen ausgehen lassen können 
und wie weit sie sich zum Grundsatz des Seerechtes für 
ihre Leistungen bekennen wollen, nach welchem die Flagge 
die Ware deckt. Es wird ja wohl damit einiger Mißbrauch 
getrieben. 

Weiterhin ist es, wie schon ausgeführt und nach Kräften 
begründet, ersichtliches Bestreben der modernen Entwicklung 
der Zeitung, aus ihrem inneren Betrieb die Persönlichkeit 
auszuschalten. Das wird immer deutlicher werden, jemehr 
die gelernten, die herauf gedienten Journalisten Einfluß be- 
kommen und sich aus einem Instinkt der Notwehr min- 
destens nach außen hin, weil sie gegen die aus dem Zentrum 
wirkende Gewalt wehrlos sind, zu einem Ring zusammen- 
schließen, der seine Stacheln alle gegen die Unzünftigen, 
gegen die Böhnhasen kehrt. 

Eine durchaus oder auch nur eine zu sehr unpersön- 
liche Zeitung aber ist auf die Dauer schlimmer als nur abge- 
schmackt — sie ist sonder allen Geschmacks, also nur für 
kürzeste Weile genießbar. Und so wird man denn mehr 
und mehr die Persönlichkeit, die man aus dem regelmäßigen 
Betrieb herauszudrängein verstand, sich zum Nothelfer heran- 
rufen.**' Zu Fragen von besonderem Gewicht, die nicht 

70 



leicht nur mit der gewöhnlichen Bildung behandelt werden 
können, befragt man immer lieber Männer von Ruf des be- 
treffenden Faches. Sie lassen sich nicht ungern vernehmen: 
man hat niemals ungern eine Bescheinigung seines Ansehens 
und seiner Beliebtheit, und der stille Gelehrte, der sonst nur 
für sein eigen Gewissen und für den engen Kreis der Ver- 
ständigen arbeitet, fühlt sich gern für Augenblicke minde- 
stens der großen Öffentlichkeit gegenüber, als ihr Führer 
und Wardein, ehe er wieder in der gewohnten Stille ver- 
schwindet. 

Die Entartung dieser ganzen Richtung, übrigens eine 
ganz niedliche und oftmals gar nicht übel geglückte Speku- 
lation, die nur zu häufig und also zu durchsichtig ward, um 
immer noch die volle Wirkung zu tun, sind die Rundfragen 
gewesen, deren man sich kaum erwehren konnte. Das brach 
herein, wie eine neue Sintflut, und verlief sich ebenso wieder 
ohne alles eigentliche Ergebnis; die sündige Welt trieb ihr 
Wesen weiter, als wäre nichts geschehen, und war höchstens, 
wie nach jener feuchten Katastrophe um den Suff, um 
irgend ein neues Laster reicher. Auch das ist ja nicht zu 
verschmähen und unter Umständen sogar ein Kulturgewinn 
trotz der Entrüstung der Moralisten. Aber — allen Ernstes, 
um was ward nicht alles gefragt ! Es wäre notwendig ge- 
wesen, immer nach dem Konversationslexikon zu greifen, 
um seine Kenntnisse aufzufrischen, oder unablässig mit sich 
und seinem Gewissen zu Rate zu gehen, welches in solcher 
Ausdehnung eine verdrießliche Geschichte bedeutet. Den- 
noch kam noch ganz Kluges zu Tage, was erstaunlich ge- 
nug ist. Für noch erstaunlicher aber muß gelten, was für 
gewitzte Männer sich so honorarfrei einfangen ließen und 
diesen Leim bereitwillig bekrochen. 
71 




AN MUSS ja im allgemeinen bei Nach- 
richten, welche das Zeitungswesen an- 
langen, sehr behutsam unterscheiden und 
Kritik üben. 

So groß nämlich die Macht der Publi- 
zistik immer sicherlich sei: es liegt 
überdies in ihrem Interesse, zeitweise an 
besonders beredten Exemplaren ihren Einfluß auch den Stumpf- 
sinnigen gegenüber zu erweisen. 

Für je leistungs- und zahlungsfähiger eine Firma gilt, 
desto reicher und unbedingter werden ihr alle Mittel zur 
Ausdehnung des Betriebes zur Verfügung gestellt, desto mehr 
kann sie sich auf Kosten des Wettbewerbes ausbreiten und 
mächtig machen. Dies gilt auch hier: und so wird denn 
manchmal auch eine gewandte Notiz zur eigenen Glorifizie- 
rung ausgesandt. 

Da sei denn nun auf eine Meldung aus der letzten Wahl- 
kampagne der Union aufmerksam gemacht. Dem vielleicht — 
gleichviel aus welchen Gründen, denn das Volk schafft sich 
nun einmal seine Idole und betet hernach eine gewisse Zeit 
andächtig zu ihnen, bis es sie in die Rumpelkammer für 
ausgediente Götzen wirft, — beliebtesten Kandidaten um die 
Präsidentenwürde, der jemals in der Union dagewesen, stellte 
sich Herr Hearst entgegen, auf nichts gestützt, als auf seine 
Millionen und auf eine Unzahl „gelber** Blätter, die ihm 
gehörten und also für ihn arbeiteten. 

Rechnet man, daß Herr Hearst sich vordem keineswegs 
so bemerklich gemacht hatte, um nur einigermaßen ernst 
genommen zu werden, daß er persönlich und agitatorisch in 
keiner Hinsicht seinem gewandten, mit einer vortrefflichen 
Witterung für den Volksinstinkt begabten und niemals um 

72 



ein glückliches Schlagwort verlegenen Gegner gewachsen 
schien, so muß das Resultat seiner allerdings verschwende- 
ten Bemühungen, auch die aufgebotenen Unsummen in 
Rechnung gestellt, nicht so ganz verächtlich erscheinen und 
müßte nachdenklich stimmen, die es angeht. Die Allianz, 
die hier zum erstenmal offensichtlich in Aktion trat, ist 
keineswegs so ganz unbedenklich. 

Was nun die Macht der Publizität ganz besonders 
steigert, was ihren Einfluß über die Gemüter erhöht, das 
ist der schwindende Sinn für Intimität, für jene Innigkeit 
des Lebens, die seinen feinsten Reiz ausmachte für diejeni- 
gen, welche das Organ dafür noch nicht ganz verloren haben. 

Nun hat es sich herausgestellt, daß alles sich bis zu 
einem bestimmten Grad von Notorität, ja Berühmtheit 
bringen läßt, wenn es nur mit dem genügenden Nach- 
und Hochdruck angepriesen wird. Man muß nur berechnen 
können, wie weit man gehen darf, will man nicht den 
Widerspruchgeist des Publikums herausfordern und nicht 
das Mißverhältnis der Proportionen in der Bedeutsamkeit 
des Angepriesenen und der Mittel offenbaren, welche zu 
seiner Verherrlichung aufgeboten werden. 

Nun hat das alte und schöne Wort vom „Wandeln im 
Lichte" vielfältig einen neuen Sinn angenommen. Man be- 
greift das Wandeln im Lichte der Öffentlichkeit darunter, 
fühlt sich beglückt, kann man dahin unter welchen Kosten 
immer gelangen, und verkürzt, verstoßen, unglücklich, soll 
man unter den Unbeachteten, Ungenannten seine Tage ver- 
bringen. 

Das gilt nicht nur für Stände und Berufe, die auf die 
Öffentlichkeit angewiesen sind und bei denen man somit 
den Vorteil erkennt, den es für sie bedeutet, viel, immer 
73 



wieder genannt zu werden, bei denen sich die liebe Eitelkeit 
und das geschäftliche Interesse also berühren und verquicken. 
Gewandte Reklame nützt da so unsäglich, daß man durch- 
aus nicht rigoros sein darf. 

Aber, es tun da mit besonderer Vorliebe auch Frauen 
mit, bei denen man den Zweck absolut nicht absieht, es 
sei denn, daß sie eben der Anziehungskraft von keinerlei 
Licht widerstehen könnten. 

Es ist unglaublich und ein Mensch von noch nicht 
ganz zerrütteten Begriffen traut kaum seinen Augen, was 
da unter Umständen alles der Öffentlichkeit aufgedrängt 
und mitgeteilt wird. Intimitäten, von denen im Grund nur 
die Allernächsten angenehme Kenntnis nehmen dürften, 
werden preisgegeben, behaglich erörtert, ja annonciert. 

Und man rede nur hier nicht von Engherzigkeit und 
Splitterrichterei. Denn eines muß auf diesem Wege in 
denen, die es angeht, unbedingt und für immer zerstört 
werden: das Schamgefühl der Distanz wärs vielleicht zu 
nennen. Und nun weiß man: die Scham ist eine gesellige 
Tugend, eine Tugend der Erziehung, und es gibt nichts so 
Ansteckendes, wie welche Form der Schamlosigkeit immer. 

Nimmt man nun dazu, daß es vorwiegend die Schichten 
der Bevölkerung sind, welche führen und erziehen sollten, 
die hier mittun, so wird man schon leicht begreifen, welche 
Gefahr für wirklich gute Sitte, nicht für gute Manieren 
(die aber endlich auch nicht so ganz belanglos sind, daß 
man sie leichten Herzens gefährdet sähe), welche Verwirrung 
der Begriffe für immer weitere Schichten der Bevölkerung 
so groß gezogen wird. 

Ohnedies — das moderne Leben ist laut, überlaut. Es 
ist jener sanften Stille feindselig, in der allein noch alles 

74 



Beste aufgewachsen ist, dahin wir uns flüchten müßten, 
wollen wir uns auf uns selbst, auf unsere eigensten Ziele 
und letzten Aufgaben besinnen. Und nun wird der Lärm 
künstlich geschwellt und gesteigert, damit er uns auch da- 
hin verfolge; und zum Spektakel, der mit dem modernen 
Betrieb, mit seinen Behelfen, Mitteln und Maschinen not- 
wendig verknüpft ist, gesellt sich ein neues, ein ganz über- 
flüssiges, ein kleinen Eitelkeiten dienstbares Korybantentum. 
Auch diese Priesterwürde nährt übrigens recht stattlich, die 
ihre Würde empfingen und sie verständig zu nutzen wissen. 

Und auf diesem Wege wird allerhand den Gesinnungen 
des Volkes eingeflößt, das nicht eben sehr erzieherisch wirken 
kann. Da wird eine Neugierde aufs Persönliche gerichtet, 
die nichts anderes ist, als der ins Riesige gesteigerte Klatsch, 
gegen den ja als Mittel zu einer harmlosen Erholung sicher- 
lich nichts zu bemerken ist, der aber als Selbstzweck keinerlei 
eigenes Denken aufkommen läßt. Vielleicht darum sieht 
man hohen Ortes seine Pflege so gar nicht ungern. Es wird 
ferner die Vorstellung geweckt, als sei von besonderer 
Wichtigkeit, mit einer eigenen Weihe umgeben, was die 
Angehörigen der sogenannten herrschenden Klassen zu tun 
belieben. Der Respekt vor der geheiligten Geburt und vor 
dem allmächtigen Geldsack wird so denen eingeflößt, die 
ihn empfinden sollen; und die Herrschaft der Plutokratie, 
die immer nachdrücklicher ihren Erbschaftsantritt nach der 
Aristokratie erklärt und durchsetzt, wird verfestigt. 

Es ist so eine widerwärtige Protzenhaftigkeit erwachsen. 
Allenthalben hört man das Gold klingeln; wer einen Satz 
spricht, der erhöht seine Wirksamkeit gern dadurch, daß er 
seine Groschen im Takt dazu klimpern läßt. Und so muß 
denn jede feinere Geselligkeit allerdings leiden, ja fast un- 
75 



möglich werden. Man sucht einander nur zu überbieten; 
nichts wird mehr in die Anmut des Genießens, alles in seine 
Willkürlichkeit, ja Gewaltsamkeit gesetzt. Das holde Maß 
geht verloren und darf nicht wiedergefunden werden. Aber 
jedermanns Sache ist es immer noch nicht, die Liste der 
Genüsse, die er abends vorher empfangen hat, den kommen- 
den Morgen mit allen Einzelheiten in der Zeitung veröffent- 
licht zu sehen. Es gibt immer noch feiner fühlende Menschen, 
die schon die Möglichkeit schreckt, die sinnreichen oder 
scherzhaften Worte, die ihnen ein glücklicher Augenblick, 
ein anregender Nachbar wachgerufen hat, in die Öffentlich- 
keit gezerrt und einer müßigen Bewunderung preisgegeben 
sich zu denken. Und so kann sich zum Beispiel die viel- 
leicht feinste aller Künste, die Plauderkunst, durchaus nicht 
entwickeln ; und so werden immer mehr aus der Geselligkeit 
gerade die ausgeschieden, die allein sie adeln und erhöhen 
könnten. 



|S IST bereits der Müdigkeit gedacht wor- 
den, welche sich Vieler und nicht der 
Schlechtesten angesichts des Tages und 
seines Gezänkes bemächtigt. 
Die Einen wollen nichts mehr davon 
wissen, weil sie im Grunde doch nichts 
davon verstehen, und aus allen Ver- 
suchen, sie aufzuklären, nicht ganz ohne Anlaß nur eben- 
soviele Versuche herauswittern, sie zu lenken und zu be- 
einflussen. 

Den Anderen aber ist alle Erörterung ähnlicher Fragen 
verleidet, weil sie nur zu genau wissen, wieviel Spiegel- 
fechterei immer dabei getrieben wird, wie wenig Einfluß 

76 




alle diese Diatriben und großen Redensarten auf "den Gang 
der Dinge selbst und auf ihre eigentliche Entwicklung üben. 

Es ist auch der Glauben an die Heilkraft verfassungs- 
mäßiger Zustände vielfach nicht mehr in der alten Lebendig- 
keit in den Gemütern. Damit aber ward die Hoffnung auf 
die Macht des gesprochenen Wortes, auf den Wert jeder 
vor der Menge aufgerichteten Tribüne, also auch der Presse, 
erschüttert. 

Nun ist die Presse von Haus aus eine oppositionelle 
Einrichtung. Man erinnere sich der ersten Anfänge, da sie 
sich in England durchzusetzen und bemerklich zu machen 
begann. Es trat ihr der allgemeine Argwohn der Mächtigen 
entgegen; schon damals gab es keinen Vorwurf, den man 
an ihr gespart hätte; das Parlament begegnete ihr feind- 
lich, und sie mußte sich jeden Fortschritt und jede freiere 
Bewegungsmöglichkeit hart genug ertrotzen und erstreiten. 

Vielleicht ist es währende Erinnerung daran, wenn 
eigentlich die oppositionelle Haltung immer und allenthalben 
leichter Anklang und Glauben findet. 

Es steckt nun einmal ein Argwohn gegen die letzten 
Absichten der Regierungen in den Gemütern. Man denkt 
sie sich nur zu gern immer noch als dem wahren Frommen 
des Volkes feindselig, als erfüllt von Plänen, die man nicht 
gern offenbart oder verraten sieht. 

Vor allem, und dieses nicht ohne Grund aus Erfahrung 
und Vergangenheit her: man empfindet und man glaubt einen 
urewigen Gegensatz der vorwärtsdrängenden und der retar- 
dierenden Gewalten. In einem unablässigen, in einem unver- 
söhnlichen Zwist, der erst am Ende der Dinge in der all- 
gemeinen, fröhlichen Harmonie zusammengestimmt und 
ausgesöhnt sein kann, argwöhnt man sie begriffen. Es hat 
77 



sich ja oft genug begeben, daß von oben revolutionäre Ge- 
walten zu Bundesgenossen genommen wurden; immer aber 
nur, wenn alle normalen Mittel und Künste vollends versagt 
hatten, wenn irgend eine Steigung zu überwinden war, über 
die normale Kräfte nicht schleppen konnten; immer mit 
der regelmäßig nach Tunlichkeit verwirklichten Absicht, 
die gefährlichen Nothelfer auf der Höhe zu verabschieden, 
wenn man sie nicht wieder bändigen und unschädlich 
machen könnte. Es ist ein Verdacht der Unehrlichheit nun 
einmal nicht zu tilgen. Und nicht ohne Beklommenheit 
suchen die Steuermänner sich in einem Boden zu ver- 
ankern, den sie nach all ihren Begriffen für unzuverlässig 
und zu leicht beweglich halten müssen. 

Der nun hier eingreift, der hat mindestens ein Weil- 
chen bequemes Spiel. Mit einem schönen, gruselnden Ent- 
zücken sieht man Schleichwege aufgedeckt und verfolgt ihre 
Krümmungen zunächst ohne die Frage, ob sie nicht nur 
ad hoc angelegt worden sind, ob sie wirklich schon jemals 
eines Menschen Fuß betreten hat. 

In jedem Menschen findet die Anklage zunächst sicherer 
und unmittelbarer Widerhall, als die Verteidigung. Es ist 
in uns doch wie ein allgemeiner, schlummernder Verdacht 
gegen alle Welt, der nur des Stichwortes und des Anlasses 
harrt, um wach zu werden. Man beobachte sich nur selbst: 
es werde z. B. ein Gemunkel gegen einen Mann laut, den 
man in sich selbst sehr hoch gestellt, den man ober jeder 
Niedrigkeit zu glauben meinte, den zu verehren man sogar 
das Bedürfnis empfand. Welches ist wahrscheinlich in einer 
normalen, nicht einmal in einer besonders bösartigen Seele 
die erste Regung, die nur bei besonders Tapferen unterdrückt 
wird, ehe sie ganz ins klare Bewußtsein gedrungen ist? Sie 

78 



wird vermutlich ungefähr lauten: Hab' ich mirs doch immer 
gedacht! Vielleicht gar: Das hat aber einmal gebraucht! 
Und nun muß man Gegengründe sammeln, und man muß 
ordentlich mit sich in Gericht gehen, um solcher Abscheu- 
lichkeiten Herr zu werden, an deren Unwürdigkeit man in 
sich keinen Augenblick zweifelt. Es ist das eine unleugbare 
Tatsache: sie erklärt manche Übereilung, die hernach 
bitter bereut wird, manche Entfremdung, die nimmer gut 
zu machen ist: und es können vor ihr alle die nach- 
denklich und an ihrer Ansicht stutzig werden, die so un- 
entwegt die ursprüngliche Güte der Menschennatur ver- 
teidigen. 

Für die Dauer genügt der Widerspruch allein freilich 
nicht. Er versagt bald genug. Aber er verheißt immerhin 
mehr und bequemeren Erfolg, als die Anerkennung, in der 
denn doch eine Art Gefolgschaft und Unterordnung liegt. 
Nun — und derlei mißbilligen und beargwöhnen nach der 
Reinheit der Beweggründe just die am eifrigsten und 
schnüffelndsten, die für sich allein nicht einen selbständigen 
Schritt zu tun fähig wären. 

Ganz besonders in Deutschland hat der allen Grund, 
seinen Zusammenhang mit den lenkenden Kreisen zu ver- 
hüllen, der ihnen wirklich und aus guter Gesinnung nützen 
und dienen will. Hier kann eine Auszeichnung immer 
noch den Glauben und die Reputation annihilieren, die ein 
ganzes Leben erworben hat. Die sich der Blätter wirklich 
und klüglich zu bedienen verstanden, die wußten auch immer 
ganz meisterlich die Spuren zu verwischen, die zwischen 
ihren Ämtern und den Redaktionen bestanden. 

Die offiziösen Blätter haben nun einmal nicht nur den 
Ruf einer wohlgegründeten Langweiligkeit und Ehrbarkeit; 
79 



man kann sich immer noch nicht von der Vorstellung frei- 
machen, als gäbe sich der Regierung nur hin, wer sonst gar 
keinen Käufer mehr findet. Als wäre der minder und minder 
gefährlich unfrei, der immer und Alles aus Zwang anschwärzen 
muß! Am drolligsten und allereigentümlichsten offenbart 
sich das wohl in Österreich: es genügt hier nach mancher 
Erfahrung, daß die Regierung sich für ein Blatt interessiere, 
damit das Blatt minderwertig sei und nicht mehr recht 
gedeihen könne, — selbst dann, wenn es rein schöngeistig 
ist und in erster Linie die Absicht verfolgt, zu zeigen, was 
wir vermögen und daß wir keineswegs so zurückgeblieben 
sind, wie man uns manchmal hinstellt und wie wir in 
schlimmen Stunden selber raunzen. Das, sollte man meinen, 
sei doch einmal ein Zweck, den man von oben her ohne 
Hintergedanken fördern könne und dürfe und dem reichere 
Mittel, die so zur Verfügung stehen, nur zugute kommen 
sollten. Und dennoch ruht ein Fluch auf allen ähnlichen 
Versuchen. Unsummen sind schon so ohne den mindesten 
dauernden Erfolg vertan worden. 

Ich denke dabei an die verschiedenen mißratenen Ver- 
suche, in Österreich ein Familienblatt hervorzubringen, das 
der deutschen Produktion auf diesem Gebiet hätte entgegen- 
treten können, etwa an den Kampf der „Heimat" gegen 
die mißliebig gewordene ,, Gartenlaube", der so jämmerlich 
endigte trotz großer Mittel und wiewohl die „Heimat" ge- 
schickt genug gemacht war und in ihrem Bestand mindestens 
zwei Romane gebracht hat, die schwer wogen und länger 
währen dürften, als was in der ,, Gartenlaube" an Erzählen- 
dem seit ihrer Begründung wohl bis auf diesen Tag ver- 
öffentlicht ward. Ich meine Anzengrubers ,, Schandfleck" 
und seinen grandiosen „Sternsteinhof". Und daß die 

80 



Stellung beim Blatt, lässig genug genommen und geübt, ihm 
doch einige Jahre den Lebenskampf erleichtert hat, der schwer 
genug auf ihm gelastet, versöhnt mit manchem wiederum. 

Das Aufkommen der „parteilosen" Blätter, die über 
Deutschland auch in noch vereinzelten Mustern nach Öster- 
reich gedrungen sind, die aber auch bestehende Unter- 
nehmungen beeinflußt und farblos gemacht haben, ist oft 
als ein Behelf erneuter Gedanken- und Gesinnungslosigkeit 
beklagt und angeklagt worden. 

Aber — sie entsprechen wirklichen Bedürfnissen. Ge- 
wisse Fragen sind so heikel oder sie sind so spitzig, 
daß es nicht möglich ist, sie unbefangen zu erörtern, ohne 
bei einer der beiden Seiten Anstoß zu erregen. Eine Ver- 
ständigung darüber ist aber von vornherein ausgeschlossen. 
Diese werden also überhaupt nicht erörtert. Die Möglich- 
keit eines eigenen Urteils wird aber jedem, der sichs zu 
bilden wünscht, durch überreiche Darbietung des Rohmate- 
rials geboten. 

Gerade die parteilosen Blätter haben journalistisch 
manchen Fortschritt angebahnt. Sie haben zum Teil einen 
herrlichen Nachrichtendienst. Die schärferen Reizungen, 
auf die sie da und dort verzichten müssen, haben sie durch 
ganz glänzende Leistungen auf anderen Gebieten zu ersetzen 
gewußt. Sie bieten zu den niedrigsten Preisen, die man 
gar nicht versteht, hält man das Gebotene dagegen, einen 
überreichen Lesestoff, an dem die Menge immer ihr Genüge 
finden, aus dem aber auch der Gebildete Manches für sich 
herauslesen wird. Und — das Gezanke, das uns sonst 
widerwärtig und kläffend fast jeden Schritt unseres Weges 
geleitet, das verstummt für ein Weilchen. 

Es muß nämlich mit allem Nachdruck endlich einmal 

8l V6 



gesagt sein: Gesinnung, Überzeugung und Aufrichtigkeit in 
allen Ehren, aber der Mißbrauch, der vielfältig damit ge- 
trieben wird, der verletzt nicht allein den guten Geschmack. 
Er wird langsam eine Gefahr. Für alles und jedes darf 
man sie denn doch nicht als Kriteria ansehen wollen und 
danach Gerichtstag zu halten geneigt sein. Dennoch wirds 
immer wieder versucht. Und das geschieht mit Vorliebe bei 
Unternehmungen jener Richtung, der, ob er sich zu ihr be- 
kenne oder nicht, der moderne Mensch sich am ehesten zu- 
geneigt fühlt und verwandt meint. 

Abermals berühren sich hier katholische und sozialistische 
Presse. Der Katholizismus aber kann keineswegs den Ehr- 
geiz haben, muß es sogar nach seinem ganzen Wesen ab- 
lehnen, ein wirklich vollkommenes und rundes Weltbild geben 
zu wollen. Bei ihm ist Lehrgebäude und Weltanschauung 
vollkommen eines, und mit darin ruht seine Macht, die bis- 
her aller Anstürme gespottet hat, wie ihrer wahrhaftig ge- 
nug und mit allen ersinnlichen Mitteln gegen seine ragen- 
den Schanzen unternommen worden sind. Er hat da oder 
dort Einbuße erlitten, auch von ganz schmerzlicher Be- 
schaffenheit, daß man's nicht leicht verwindet. Niemals geschah 
dies ohne die Hoffnung auf endlichen und endgültigen Wieder- 
gewinn, die nur zu oft sich erfüllt, niemals ohne einen 
Ersatz von anderer Seite. Er hat das Recht, abzulehnen, 
was irgend seine Kreise stören könnte, und scheine es 
Vielen noch so wichtig. Aus dem Gefühle seiner eigenen 
unendlichen und unzerstörlichen Dauer ist ihm jedes Hasten 
fremd; man kann ja immer wieder prüfen und überprüfen 
und, wenn sich die Zeiten geändert haben und es paßt denen, 
welche die Zügel führen, so kann man immer die Hexe und 
den Ketzer von gestern — vor Gott sind doch tausend Jahre 

82 



wie ein Tag! — in den Rang und den Reigen der Seligen 
erhöhen. Er hat aber auch die Pflicht, aufs Genaueste sich 
anzusehen, der sich zu ihm gesellt und bekennt. Er kann, er 
darf keine verdächtigen Kantonisten in seinen Scharen leiden: 
und seine Approbation ist so gewichtig, jede Irrung in ihr ist 
so sehr eine Bloßtellung dessen, was Ungezählten die letzte, 
die oberste Autorität sein und bleiben muß, daß man alle 
Bedenklichkeiten versteht. 

Nun aber tritt doch der Sozialismus mit just den ent- 
gegengesetzten Ansprüchen auf den Plan. Er ist ja aus der 
Kritik entstanden, angewendet ohne alle Rücksicht und ohne 
alle Scheu auf Begriffe, die man als gültig, auf Verhältnisse, 
die eine Generation von der anderen als unerschütterlich 
übernommen und ererbt hatte. Nicht umsonst stehen Unter- 
suchungen über das Erbrecht fast an seinem Eingang. Und 
nun setzt sich ein gerade bei ihm widerwärtig Doktrinäres 
durch. Nicht sein Lehrsystem ist hier gemeint. Dies ist 
und bleibt eine interne Sache. Damit müssen sich eben ab- 
finden, die es angeht, die zur Fahne geschworen haben, 
um vielleicht nachträglich Bedenken zu bekommen und sie 
auf die Gefahr des Bannes hin zu bekennen. Ein Einfall, 
der hier vermerkt sei: erinnert die Art, in der sie ihre Hoch- 
schule für Agitation — übrigens wirklich ein Bedürfnis für eine 
Partei, die in einer Art und in einer Intensität im Zusammen- 
hang mit dem Volke bleiben muß, daß sich normalerweise 
auch die stärkste Arbeitskraft zeitig vernutzen muß — ein- 
zurichten gedenken, nicht in vielem an die Priesterexerzitien, 
wie sie der Katholizismus immer wieder zur Übung der 
Seelsorger veranstaltet, damit sie nicht etwa einrosten? Aber, 
die Gefahr, die ich meinte, liegt darin: es wird nun noch 
oder schon viel zu sehr nach Gesinnung gefragt, ja geschnüffelt. 

83 6* 



Was man den Liberalen einmal gerade von dieser Seite vor- 
dem mit Fug zum Vorwurf gemacht, das geschieht nun 
schon zu gerne auch hier: es wird nach der Zugehörigkeit 
zur Partei nur zu oft gelobt, das herzlich unbedeutend ist, 
wenn es nur an sich oder durch Begleitumstände als Kampf- 
mittel brauchbar erscheint. Dinge aber, die aller Beachtung 
wert wären, die können kaum erwähnt werden, weil sie mit 
der ,, Bewegung" nicht im Zusammenhang stehen. Gerade 
hier aber wünschte man die größte Unbefangenheit, den 
weitesten Raum für solche Fragen. Hier wird nämlich 
wirklich in vieler Hinsicht Erziehungswerk getan. Dies 
abermals einseitig angepackt zu sehen, tut weh. Es werden 
oftmals nur neue Fälschungen an Stelle der gewohnten ge- 
setzt. Das ist kaum ein Fortschritt, ist desto betrüblicher, 
nachdem man guter Erwartungen gewesen war, als könnte 
von hier mancher Anstoß zum Heil kommen. 

Es ist eben jede Diktatur eine Gefahr; sie werde von 
einer Partei geübt, die alles nach ihren Ansprüchen einge- 
richtet und betrachtet wünscht, oder, wie es die Regel ist, 
es habe sie der Kapitalist an sich gerissen, der seine Zinsen 
und seinen Unternehmergewinn will. 

Geglückte Versuche einer Vertrustung, wie eben eine 
wieder aus Amerika gemeldet wird, sind mir in Europa 
noch nicht bekannt. Wunderlicherweise. Denn die Vor- 
teile sind so groß, daß sie in die Augen springen; vielleicht 
zu groß, um sich vor der Wirklichkeit zu bewähren und 
zu behaupten. Allein die gemeinsame Oberleitung stellt 
doch eine wesentliche Ersparung dar und bedeutet in der 
Zeit des Telephons, also der Möglichkeit mündlicher Direk- 
tiven auf die weitesten Radien hin, kaum eine wesentliche 
Schwierigkeit. Selbst die gleichen Druckformen könnte 

84 



man bei kurzen Distanzen unter Umständen mehrfach ver- 
werten. Wie viel niedriger die Gestehungskosten der ein- 
zelnen Meldung sich so kalkulieren müßten, ist evident. 
So steht man hier eigentlich vor einer sicherlich nur scheinbaren 
Anomalie. Was in Wien in letzter Zeit sich mehrfach begeben 
hat: dieZusammenlegung mehrerer für sich passiver Blätter und 
ihre Unterstellung unter eine gemeinsame Verwaltung, kann 
keine Beweiskraft für sich haben, aber unter Umständen 
wertvolle Fingerzeige geben. Die nächste Wirkung aller 
solcher Prozesse aber ist immer doch, daß zahlreiche Exi- 
stenzen bedroht, ja vernichtet werden; daß die Reserve der 
Arbeitslosen und damit die Macht der Eigentümer wächst, 
daß die unter Dach immer fügsamer und begnügsamer 
werden, je aussichtsloser eine Auflehnung wird. 




S IST sonderbar: die großen Männer der 
Presse, Organisatoren, so gut wie Federn, 
sind eigentlich noch niemals in den Zeiten 
des währenden Kampfes selbst hoch und 
zur Geltung gekommen. 
Ganz besonders in der Zank- und Fehde- 
literatur ist, so reiche, ja übermächtige 
Talente sich in ihren Dienst gestellt haben, wenig Dauerndes. 
Nicht einmal die Zeit der Reformation, auf die wir aller- 
dings, jeder nach seiner Gesinnung, mit besonderen Gefühlen 
blicken, ist da so ganz auszunehmen. 

Es glückt einem sehr selten, das Losungswort auszu- 
geben, daran sich die Geister scheiden und erkennen. Und 
wo jeder Augenblick sein Recht fordert und seinen Aus- 
druck sucht, so ungefähr er sei, dort ist der Boden nicht 
für dauernde Gestaltungen. Das 'ist eben wie im Krieg, 
85 



wo das Paßwort immer gewechselt und neu ausgegeben 
werden muß, damit sich die Lager scheiden. 

In solchen Zeitläuften dominiert die Flugschrift. Der 
Parteigänger schlägt sich auf eigene Faust herum, in der Hoff- 
nung, von der allgemeinen Neugier zu profitieren, ,, seine 
Beuten zu erschnappen", sich den Oberen bemerklich zu 
machen, und vielleicht die Welle zu finden, die ihn für 
immer in die Höhe hebt. Dauerndes entsteht am ehesten 
in der Nachbarschaft der großen Ereignisse selbst, wo der 
Anteil höchst lebendig, die Parteinahme aber schon abge- 
schwächt genug ist, um ruhige Betrachtung zu ermöglichen. 
Zu große Nähe verwirrt — dieses Gesetz gilt ewig. 

Auch ist sehr erregbaren Perioden selbst der Zeitungs- 
artikel schon ein zu umständliches Tun. Er fordert immer- 
hin eine gewisse Sammlung und Einkehr des Geistes; seine 
Inspiration ist die der Studierstube, nicht die aus einer erhitzten 
und nach Neuem und immer Gewagterem hungernden Menge 
dem Redner entgegendampft, ihn über sich hinaus hebt und 
zu immer kühneren Einfällen hinreißt. Solche Zeiten gehören 
dem gesprochenen Wort, das freilich bald verpufft, das aber 
augenblicklich zu allen Entschlüssen und Handlungen hin- 
reißen kann. Und der des nächsten Momentes nicht sicher 
ist, der will diesen nützen und wirken. 

Die größten Talente gehören immer der Zeit der Vor- 
bereitung und der Ankündigung an. Auch im Kriege der 
Geister sind die Mineure und das Geniekorps immer die 
Klügsten gewesen und bedurften der größten Vorbildung. 
Bricht alsdann die Sturmflut herein, die sie durch klüg- 
liches Unterwühlen der Dämme erst ermöglichten, dann 
scheint zunächst ihr eigen Werk auch verschwemmt. Rück- 
schauende Betrachtung lehrt schon ermessen, was sie getan. 

86 



Man erinnere sich der englischen Umwälzung. Aber, 
da springt uns doch in ihr selbst der eine große und ver- 
einzelte Namen John Milton entgegen. Wer aber blieb, 
oder was besteht noch aus der stürmisch bewegtesten Zeit 
der französischen Revolution selber? Vor ihrem Ausbruch — 
eine verwirrende Fülle von Begabungen, alle unerschöpf- 
lich an Einfällen und Erfindungen, den verhohlenen Brand 
nicht entschlafen zu lassen. Man staunt über diesen Reich- 
tum an Sturmvögeln, über ihre Mannigfaltigkeit nach Be- 
wehrung und Befiederung. Es geht los — und sie sind 
weggeblasen und was die Wogen auf ihren Kämmen tragen, 
ist Tang und Schaum. Zeiten der Evolution aber, des be- 
harrlichen Kampfes um Rechte, die den Menschen nur 
ins Bewußtsein gebracht zu werden brauchen, damit sie 
ihre Vorenthaltung auch schon für unerträglich empfinden, 
die zeugen die großen Pamphletisten und weiterhin die 
großen Kampf organe, die in der Regel nichts tun, als die 
Gedanken der Einzelkämpfer verbreitern, verflächern, der 
Menge immer wieder vorkauen, bis sie ihr endlich mund- 
gerecht und einleuchtend sind. Es sind oftmals anscheinend 
Nugae, Nichtigkeiten und Formalismen, um die sehr 
hitzig geeifert wird, bis man erkennt, wie wichtig es für 
die Gesamtentwicklung war, daß sie ins Reine gestellt 
wurden. 

Wer immer, aus welchem Grund immer, in der Regel 
wohl um Stimmung und Stimmen einer gewissen Periode un- 
vermittelt und ganz unverkürzt kennen zu lernen, nach dem 
greifen mußte, was in ihr selbst publizistisch entstanden ist 
und vielleicht den größten Einfluß auf die Auf stürmung der 
Geister geübt hat, der wird sicherlich mit einer schweren 
Enttäuschung zu rechnen und zu kämpfen haben. 
87 



Er kennt die Parteien. Er kennt die Organe, welche 
dazumal als führend betrachtet wurden. Die Namen sind ihm 
geläufig, die in aller Mund gewesen sind. Man hat be- 
stimmte Vorstellungen, große Erwartungen. Immer werden 
sie enttäuscht. Man hatte vielleicht gehofft, den Odem 
jener großen Erregungen zu verspüren. Sie sind ganz und 
gar verweht. Für Zornesworte findet man nur zu gern 
ein häßliches Gekeif; für Urlaute, wie man meint, daß 
sie Katastrophen und andrängende, sich überstürzende 
Ereignisse, die nicht einmal Zeit zur Besinnung lassen, auf- 
wecken und zum Tönen bringen müßten, begegnet man 
Phrasen. 

Und trotzdem eine solche Wirkung? Trotzdem einmal 
ein solches Zujauchzen auch der Urteilsfähigen? Nicht trotz- 
dem — eben darum. Man erinnere sich gefälligst, was 
Lessing, der seine feinsten und tiefsten Bemerkungen gern 
ganz nebenher fallen läßt, einmal von seinen und von jeder- 
manns ersten Gedanken sagt. Dem Unerwarteten, dem Un- 
erhörten gegenüber ist der erste Einfall auch sonst Geist- 
reicher meist eine Trivialität. Vulgär — sie wissen sich keinen 
Reim darauf. Wer nun von ungefähr das zu sagen weiß, 
was, nach ihrer Empfindung, etwa sie selber ausgesprochen 
hätten, der hat ihr Ohr, ihren Beifall, unter Umständen, 
das heißt, wenn es ihm öfter glückt, ihre Gefolgschaft. Aber- 
mals vulgär gesprochen: allein die Tatsache, daß es ihm 
„nicht die Rede verschlagen hat", daß er seine Geistesgegen- 
wart behauptet hat, wo das ihnen nicht möglich gewesen 
wäre, imponiert ihnen und läßt sie an eine Überlegenheit 
glauben, die nicht besteht und nichts darstellt, die, selbst 
wenn sie bestünde, für höhere Maßstäbe und für die Dauer 
nichts, aber gar nichts zu besagen hätte. 

88 



überhaupt, wer es mit Feinheit und mit überlegenem 
Geist im Journalismus versuchen will, der ist nur in wenigen 
Stoffkreisen zu gebrauchen und im allgemeinen fehl am Ort. 

Man muß sich Rechenschaft darüber geben, wie wenig 
homogen der Leserkreis auch nur eines ganz bestimmten 
Blattes ist, sein Stammpublikum, das immer wieder danach 
greift, nicht ausgenommen. Denn auch da, die Zufallsgäste 
ganz ungerechnet, sucht ein Jeder was anderes, weiß seine 
Rubrik, die eben hier seinem Geschmack gemäß behandelt 
wird. Selten gilt der Beifall dem Ganzen, fast niemals 
wird der Gesamtinhalt mit gleichem Anteil zur Kenntnis 
genommen. 

Wer reich an Ideen ist und das nicht genügend 
zu verhüllen weiß, der wird zum Beispiel in der Politik 
einen schweren Stand viel Ärmeren gegenüber haben. Er 
muß sich bemühen, das künstliche Gewebe seiner Gedanken 
aufzubreiten vor Augen, welche kaum gewöhnt oder befugt 
sind, den Reichtum an Farben, die Vollendung der Ver- 
knotungen, mit der Zettel und Einschlag ins richtige Ver- 
hältnis gesetzt sind, zu würdigen oder zu begreifen. Sie 
werden stutzig sein und sich darum selbst gegen das ver- 
stocken und zur Wehr setzen, das ihnen anders einleuchten 
würde. 

Der ihnen nahe Ziele zeigt, und zwar so zeigt, daß man 
sie bald und bequem erreichen zu können glaubt, der ist 
ihres Ohres sicher. Sie wollen nun lieber mit holden Un- 
möglichkeiten geprellt sein, als sich vor harten und müh- 
samen Realitäten finden und abmüden. Der Sturmlauf ist 
ihnen gemäß, nicht der straffe Marsch. Wer aber ruft und 
fordert zum Sturmlauf? Auch die rauschende Schlachtmusik 
verstummt — nur der behende Trommelschläger läßt sich 
89 



vernehmen oder ein gelles Hornsignal ruft und mahnt zur 
Einsetzung des Letzten. Was heißt und deutet das? Ge- 
stürmt wird selten: aber die eintönige Trommel erzwingt sich 
immer ihren Gehorsam. Eine große Einfachheit, nur natürlich 
so maskiert, daß man's nicht merkt, braucht, der die Mengen 
in Bewegung setzen will. Und klopfe er immer dieselbe 
Marschweise herunter, — wenn's ihm nicht zu viel wird, seine 
Hörer werden sie nicht leicht überbekommen, vielmehr seine 
Konsequenz bewundern. 

Voraussichtlich wird bei allem Spott darüber, der seit 
jeher beliebt war und nur zu oft die Scheu vor etwas nicht 
leicht Begreiflichem verhüllen sollte, die Macht des Journa- 
lismus in absehbarer Zeit immer noch wachsen. Der Pu- 
blizitätshunger ist nun einmal in den Gemütern; ist ein 
Hunger wie ein anderer und verlangt ganz so und in stei- 
gendem Grad seine Befriedigung. 

Die sich aber an der Zeitung betätigen, die werden sich 
darin finden müssen, daß der Gesamteinfluß der Institution 
an sich zukommt, daß sie nur in beschränktem Maß daran 
partizipieren, nur insoweit man ihnen Einfluß auf die Stellung- 
nahme des Blattes, je nach den eigenen Wünschen im 
Wichtigen oder im Belanglosen, zutraut. Es ist nur unklar, 
wie weit sich diese vielleicht einzige Disproportion : steigende 
Macht bei sinkender Achtung, fortsetzen lassen wird. 

Es wird fernerhin auch in alle Zukunft Männer von 
Gesinnung, Begabung und Geltung in Diensten der Zeitung 
geben. Nur wird man sie immer mehr vom eigentlichen 
Betrieb und seinen Mysterien ausschließen, um ihnen die 
kostbare Unbefangenheit und den Glauben nicht zu nehmen, 
als dienten sie mit ihren Fähigkeiten zuletzt doch idealen 
Zwecken, denen man sich hingeben darf. Die Kosten für 

90 



ihre Gewinnung und ihren Unterhalt sind nebensächlich; 
und dann — wer eine Krähenhütte gemacht hat, der darf 
hernach nicht am Aufwand für den Uhu sparen wollen. 

Es ist möglich, daß sich die Literatur der tiefen Schä- 
digung bewußt wird, die sie nun schon durch die Zeitung 
erduldet hat. Es ist unsinniger Hochmut, ja Protzerei, die 
vielen, reichen Talente, die hier schon in immer gleicher 
Frone konsumiert werden und immer noch an der Un- 
möglichkeit der Sammlung und der Zusammenfassung ihrer 
Fähigkeiten zerrieben werden, mit einem gelassenen Achsel- 
zucken, als hätten sie niemals für Größeres getaugt, zu 
erledigen. 

Trotz aller Einzelfälle, an denen ganz besonders in der 
Ära Bismarck kein Mangel war, besteht im Deutschen Reich 
und in Österreich, sehr im Gegensatz zu Ländern älterer 
Kultur, vielmehr hier wohl älterer Erfahrung, immer noch 
eine Art Vorurteil gegen die Veranlagung und die allgemeine, 
praktische Brauchbarkeit derjenigen, die sich einmal dem 
journalistischen Beruf hingegeben haben. 

Ist da ein Restchen zünftlerischer Gesinnung, die ja 
nirgends so tief sich eingelebt hatte und so schwer zu über- 
winden war wie hier, das sich immer noch gegen sie mit 
Mißtrauen wehrt? Gegen alle Erfahrung, Logik und Psycho- 
logie ist die allgemeine Ansicht: der sich einmal diesem Be- 
ruf zugewendet, der habe es getan, weil er zu nichts anderem 
so recht gut gewesen sei, und möge nun mindestens be- 
harren und aushalten, wo er stünde. 

Es sei nicht der gelehrten Herren gedacht, die ja neuer- 
dings ganz gerne vom Journalismus naschen, ohne innerlich 
vielleicht so völlig schon die alte Mißachtung vor ihm be- 
siegt zu haben; die erkannten, wie wichtig, wie sehr eine Er- 
91 



gänzung der verbreiterten und verallgemeinerten Universität 
diese Tribüne ist; wie unendlich wertvoll es ist, nicht erst 
falsche Begriffe in den Gemütern über große, neue Funde 
derWissenschaft, wenn sie anders nur einigermaßen der Menge 
begreiflich zu machen sind, einreißen zu lassen, die hernach 
zu korrigieren schwer ist. 

Aber — als Durchgangsposten, wie anderwärts wohl, 
gilt dies Metier noch nicht genug. In Österreich-Ungarn 
haben wir wohl zwei Stämme, bei denen es damit einiger- 
maßen anders und wohl besser bestellt ist, die Tschechen und 
ganz besonders die Magyaren mit ihrem rücksichtslosen, 
politischen Instinkt, bei denen publizistische Begabung höherer 
Art nur zu gern ein Abgeordnetenmandat bringt. Wer 
aber das hat und es verlangt ihn jenseits der parlamen- 
tarischen Tätigkeit, die sich an so manchen Punkten mit 
dem Journalismus berührt, nach einem Wirkungskreise, dem 
wird der Übergang in den Staatsdienst und zwar zu seinen 
lohnenden Stellungen leickt gemacht. Von den lenkenden 
Persönlichkeiten aber wird Beherrschung der Muttersprache 
auch mit der Feder, und nicht nur für Noten, direkt gefordert. 

Dadurch nun, daß sich junge Geister beweglich und 
geschmeidig diesem Handwerk widmen, um es wieder zu 
verlassen, noch ehe sie eingerostet und zu jener mechanischen 
Anschauungsweise gekommen sind, welche dauernde Be- 
schäftigung mit einer Materie notwendig erzeugt, eben nach- 
dem sie sich ausprobiert haben auf jene Anlagen hin, deren 
sie sonst zu bedürfen glauben, dadurch kommt Frische, 
Leben und ein immer neuer Fluß in die Zeitung selbst. Eine 
Stagnation ist unmöglich. Nicht nur von außen, durch die 
Ereignisse, auch von innen erfolgt immer neuer Anstoß. 
Wir haben in Deutschland vielfach Verknöcherung von 

92 



Zeitungen zu beobachten gehabt, die vordem führend und 
geltend gewesen waren; hatten in Wien einmal schon Ge- 
legenheit, den Klageruf eines ganz tüchtigen Chefredakteurs 
zu hören: „Ja, meine Abonnenten sterben mir aus," und sehen 
gegenwärtig vielleicht mindestens in einem Fall sich das 
gleiche Spiel wiederholen. Der Rahmen war starr und un- 
beweglich geworden, den man sich einmal geschaffen: die 
ihn umgießen sollten, denen ist es nicht geglückt. 

Kein Staatsmann in England oder in Frankreich, der 
nicht sein Journal zur Verfügung hätte. Gestatten es ihm 
seine Verhältnisse und seine Mittel — als Eigentum. An 
der Spitze der Geschäfte, wird er es nur inspirieren. Bei 
Fragen, die ihm persönlich wichtig erscheinen, wird er selber 
das Wort nehmen. Er wird sich nicht verstecken, wie es 
in deutschen Landen mit ihrer unausrottbaren Scheu vor 
aller Öffentlichkeit immer noch unlöbliche Gewohnheit ist. 
Zurückgetreten oder gestürzt, zieht er sich gern auf die 
Leitung seines Journals zurück. Es ist ihm eben Bedürfnis, 
immer mit dem Leben im Kontakt zu bleiben, keinen 
Zweifel darüber aufkommen zu lassen, wie er sich neuen, 
wichtigen Fragen gegenüber verhalten würde, stund* es ihm 
zu, sich mit ihrer Lösung zu beschäftigen. Uns lähmt da 
eine falsche Vornehmheit. Weiterhin — es ist', und ganz 
besonders in Frankreich, man kann sagen Gebrauch, daß 
der schriftstellerisch Begabte eine Art Lernzeit beim Journa- 
lismus durchmacht. Ist sie begrenzt — und dort ist sie es 
durch das Lohnende eines jeden Erfolges — , so kann sie ihm 
nur frommen, ihm für vieles das Verständnis öffnen, das 
sich keinem, auch dem Begabtesten nicht, so ganz von 
selber offenbart und darbietet. Wir finden allenthalben aus- 
gediente Journalisten. 
93 



Sie haben sich die Pforten der Universitäten aufge- 
sprengt; der sich für ein großes Werk vorbereitet und in- 
zwischen, um seine Existenz zu sichern, seine Artikel schreibt, 
der ist so selten nicht und leidet hernach keinerlei Einbuße 
an seinem Ansehen bei seinen würdigen und verehrten Amts- 
genossen. Man begegnet ihnen in auswärtigen Diensten, 
und sie haben sich gerade hier mehrfach als tüchtig bewährt, 
ja ausgezeichnet. Zum Beispiel — mir ist immer noch 
kein größerer Journalist gegenwärtig, als es Otto Bismarck 
so nebenbei gewesen ist. Sie sind in Staats- und Verwaltungs- 
diensten, vor den Erfordernissen des Tages, ganz tüchtig ge- 
wesen. Und es sei nicht einmal der Journalist genannt, 
der über allerhöchsten Auftrag seines Chefs über Nacht 
Forschungsreisender ersten Ranges und späterhin gar Gründer 
eines Staates wurde , über dessen Zukunft man zu Anfang 
nicht genug zu spötteln wußte, um immer mehr, immer 
gläubiger sie zu erkennen und zu ahnen. Aber Stanley ist 
ein Ausnahmsmensch; den die Männer am Kongo seiner 
unerhörten Energie wegen ,,Bulo Matair", das heißt den 
Felsenzertrümmerer nannten, der hätte seine Tage schwer- 
lich in Diensten des New York Herald beschlossen, hätte 
seinem Kraft- und Tatendrang schon seinen Ausweg ge- 
schaffen. Im kleineren Maßstab aber wächst ähnliches 
immer und allenthalben nach. Nur in Deutschland beguckt 
man*s mißtrauisch, wenn es sich vorwagt, drängt es zurück, 
wenn irgend möglich, eh* es sich auch nur zeigen konnte, 
meint wohl gar was damit getan zu haben und ahnt nicht, 
wie unsinnig und verbrecherisch ein solches Tun ist — trotz 
der Theaterkritiker, die sich hernach als Bühnenleiter bei 
all ihrer Klugheit nicht bewähren wollten. 

Immer wieder bekunden Einzelfälle, trotz aller unsäg- 

94 



liehen Schwierigkeit der Befreiung, wie kostbares Volksgut 
hier geschädigt wird. Wer einmal den Goetheschen Satz: 
„Höchstes Glück der Erdenkinder ist doch die Persönlichkeit" 
recht begriffen hat, der muß auch verstehen, daß es gar 
keine größere Versündigung gibt noch geben kann, als die 
Knechtung und Entmannung der Persönlichkeiten von einer 
immerhin das Mittelmaß überragenden Begabung, wie sie 
der moderne Journalismus zur Voraussetzung hat und 
stündlich und immer wieder aus seinem eigensten Recht 
vollstreckt. Wie heißt der schöne Rechtssatz: „Dem Füg- 
samen geschieht kein Unrecht.** 

Wie aber diese Gefügigkeit unter Umständen und immer 
öfter erzielt wird, dies steht auf einem anderen Blatt, das 
auch feucht, aber von geheimen Tränen manches Tüchtigen 
und das Gute Wollenden, und nicht von Druckerschwärze 
befleckt ist. Es werden da Opfer des Verstandes gefordert 
und auch gebracht, wie sie die römische Kurie kaum zu 
heischen gewagt hat. Es sei nur eines sehr bekannten 
Zeitungseigentümers in Budapest gedacht, dem sein Unter- 
nehmen die höchsten Würden, welche der ungarische Staat 
zu vergeben hat, selbst den stolzen Rang eines Magnaten 
und ein immenses Vermögen gebracht hatte, davon er üb- 
rigens einen ganz ansehnlichen Teil wohltätigen Zwecken 
zuwendete, der grundsätzlich nur verheiratete Männer an- 
stellte. Aber nicht aus Humanität — sie sind gefügiger. 

In ihrer leichten Beweglichkeit liegt die Überlegenheit 
der Zeitung gegenüber dem Buch, das nun einmal gewisse 
Prätensionen hat. Wer würfe es, und wenn es nur ein 
Reclambändchen ist, so ohne weiteres weg, wie es mit der 
Zeitung in der Regel geschieht, hat man sie flüchtig durch- 
blättert? 
95 



Ist doch in [der Union und in England nun schon der 
Eta^ vieler Blätter darauf gebaut, daß sich fast niemand an 
der Lektüre eines einzigen genügen läßt, und in Ungarn 
gibt es Kreuzerblätter — ja sie sollen gedeihen — die damit 
rechnen, daß sie zu jeder wichtigeren neuen Nachricht mit 
sonst gleichem Text eine Neuausgabe veranstalten, resp. ver- 
kaufen werden. 

Soll also ein Kampf der beiden Faktoren möglich 
werden, dann muß sich die Literatur mobilisieren. Sie muß 
von der Kolportage profitieren und mit dem Heftchen und 
mit dem Flugblatt arbeiten lernen. Ansätze dazu sind die 
verschiedenen, es scheint recht gedeihenden Volksbüchereien, 
dem Begüterten bequemes Supplement zu seiner Bibliothek, 
dem minder Bemittelten die Möglichkeit, sich so etwas mit 
den geringsten Kosten zu schaffen. Wenn nur der Druck 
genügend groß ist I Das ist eine Hauptsache und wird gern 
nicht nach ganzem Gewicht geschätzt. 

Es ist nicht ausgeschlossen, daß eine Renaissance der 
moralischen Wochenschriften erfolgt, die vordem in ihrer 
Heimat so große Wirksamkeit übten, anderwärts so bereite, 
nur nicht eben glückliche Nachahmung fanden, und deren 
Spuren noch bis diesen Tag zu vermerken sind. 




S WÄRE vielleicht noch der Rolle zu ge- 
denken, die den Frauen in der Entwick- 
lung der Zeitung zufallen wird. 
Erstaunlich genug, daß noch so wenige 
diesen Beruf ergriffen haben. Man sollte 
meinen, sie seien für gewisse Zweige des 
Journalismus ebenso geeignet und besser 



organisiert sogar, wie der Mann. 



96 



Sie sind geistig beweglicher und dabei leichter lenksam, 
als der Mann. Die Gabe, auch mit der Feder anmutig und 
obenhin zu plaudern, ist ihnen oftmals angeboren. Sie 
wissen sich zu inszenieren, wo es nötig ist; zu gefallen, 
wo sie es wünschen ; und sie genießen aus einer überwun- 
denen, in uns aber noch mächtigen Überlieferung immer 
und bei allen Anlässen noch gewisse Rücksichten. 

Je leichter und bequemer ihnen das Mindestmaß der 
Bildung, welches dieser Beruf fordert, zugänglich gemacht 
wird, je rascher sich jene Berufe überfüllen, darin heute 
für die studierte Frau ein Erwerb und ein gutes Unter- 
kommen sich bietet, desto stärker, desto mühsamer abzu- 
wehren wird ihr Andrang hier sein. Man berücksichtige, 
daß die Frau in der Regel dem Mann an Formensinn, an 
Geschmack und an Schärfe der Sinne überlegen ist und daß 
sie überall und sofort die Preise drückt, und man wird be- 
greifen, was das für die Männerarbeit bedeutet. 

Ihre Sinnesschärfe ist der des Mannes oftmals und in 
vieler Hinsicht überlegen. Sie beobachtet vielleicht minder 
genau, sicher nicht so gewissenhaft, schon weil sie leichter 
ermüdet. Für das bezeichnende Detail aber ist sie unge- 
mein organisiert und bemerkt da Dinge, welche auch dem 
scharfsichtigen und geschulten Auge gern entgehen oder 
nicht nach ihrer ganzen Bedeutsamkeit einleuchten. Und sie 
bringt die Kombinationsgabe der lange Unterdrückten mit, 
die auf Zeichen zu warten gewöhnt sind. Das sind doch 
für die Reportage jeder Art höchst wünschenswerte Eigen- 
schaften, sollte man meinen. Auch ihr Spürsinn, ja jene 
Neugierde, die sie von Geschlechts wegen hat und die 
der richtige Journalist immer, sogar nach Dingen in sich 
spüren muß, die ihn augenblicklich gar nichts angehen, ist 
97 ^7 



in Rechnung zu stellen. Wie schwer aber ein Geheimnis, 
danach es sie leckert, vor ihnen zu hüten ist — vide Samson 
und Dalila. 

Benutzt wird das werden, sobald der Augenblick dafür 
gekommen ist, sich die Bedingungen erfüllen. Sich darüber 
ereifern, ist albern. 

Albern ist es, von der Zeitung eine feste Gesinnung 
wünschen. Je vollkommener sie wird, desto mehr ist sie 
nur der Ausdruck einer Gesamtmeinung, ihr Durchschnitt 
etwa, desto weniger braucht sie den Luxus der Überzeugung. 

Sie ist ein Vehikel, und zwar vielleicht das nützlichste 
unserer Kultur mit allen ihren augenblicklichen, fast ner- 
vösen Schwankungen. Wer aber vom Wagen, der mit 
allerhand Frachtgut beladen wird, begehrt, er möge sich 
über die Beschaffenheit seiner Last Gedanken machen, sich 
etwa gar empören, wenn ihm Schleichhändlerware aufgeladen 
wird, der tut albern. 

Der Journalist als solcher mag alle Tugenden eines 
Mannes, ja des Römers in sich fühlen, und die verehrungs- 
würdigen Männer sind in diesem Stand nicht seltener, als 
anderwärts und schier höher zu achten, weil die Schwierig- 
keiten und die Versuchungen an sich größer sind. Dem 
Journal an -sich sind ihre Qualitäten vollkommen gleich- 
gültig, höchstens zur Parade willkommen. Es immoralisch 
schelten, ist wiederum albern. Das ist es niemals. Es ist 
amoralisch. 




Jedem, der sich für das weite Gebiet modemer Weltauffassung interessiert, 
empfehlen wir zum Abonnement: 

SozialistischeMonatshefte 



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, Internationale Revue • Herausgeg. v. J. Bloch 
J Preis pro Quartal 1,50 M., Einzelheft 50 Pf. 



"TVie „Sozialistischen Monatshefte" sind ein unabhängiges Organ 
^^ für Theorie und Praxis des Sozialismus, eine Revue des 
geistigen und sozialen Lebens. 

Tpür jeden, der den großen Fragen unserer Zeit nicht gleichgültig 
■■• gegenübersteht, ist es eine Notwendigkeit, daß er neben der 
Lektüre der Tagespresse seine politische und soziale Bildung durch 
eine wissenschaftliche Erörterung aller brennenden Fragen vertieft 
und erweitert. Und dazu bieten ihm die ,, Sozialistischen Monats- 
hefte" die nötigen Hilfsmittel und die nötige Anregung. 
A n den „Sozialistischen Monatsheften" arbeiten die ersten Kräfte 
■*^ des internationalen Sozialismus mit, Wissenschaftler und Künstler 
ersten Ranges. Es seien nur genannt: 

Dr. H. B. Adams -Lehmann, E. Anseele, Dr. Leo Arons, I. Auer, 
Ed. Bernstein, W. Bölsche, H. Branting, Richard Calwer, Dr. Ed. 
David, Rieh. Dehmel, Kurt Eisner, A. v. Elm, August Endeil, 
Prof. E. Ferri, Anatole France, Paul Göhre, W. Heine, Ricarda 
Huch, Otto Hue, J. Jaures, P. Kampf fmeyer, Ellen Key, Otto 
Lang, C. Legien, Th. Leipart, J. R. MacDonald, Tom Mann, 
Julius Meier-Graefe, Oda Olberg, E. Pernerstorfer, Dr. M. Quarck, 
M. Schippel, Johannes Schlaf, Dr. Conrad Schmidt, Robert 
Schmidt, L. Schönhoff, Dr. M. Schwann, Hermann Stehr, Dr. A. 
Südekum, Joh. Timm, F. Turati, E. Vandervelde, G. v. Vollmar 

u. a. m. 

üorträts der für das moderne Geistesleben charakteristischen Per- 
* sönlichkeiten werden als Beigaben gebracht. 
"Pür Bibliotheken bilden gebundene Bände der „Sozialistischen 
"■■ Monatshefte" ein wertvolles Nachschlagematerial. 

Probehefte stehen auf Verlangen jederzeit kostenfrei zur Verfügung 

Verlag der Sozialistischen Monatshefte 

Telephon VI, 15287, Lützow St. 105, Berlin W. 35. 



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